Christiane Schwarze

Die Verleihung

Helene berührte mit dem Finger die Schrift und konnte die Zeilen gar nicht oft genug lesen. Ihr sollte die Ehrennadel mit Buch und Goldstück verliehen werden.
Natürlich ging es dabei nicht nur um eine Ehrung. Es bedeutete, dass sie als Schriftstellerin endlich auch finanziell honoriert werden würde.

Warum nur hatte ihr niemand vorher mitgeteilt, dass die Feierlichkeit im Stile eines Kostümballes abgehalten wurde? Als Einzige ohne Verkleidung den Saal zu betreten, vermittelte ihr das Gefühl von Schutzlosigkeit.
Sie betrachtete die anderen Gäste. Fischkostüme schienen besonders in Mode zu sein. Aber weshalb verkleideten sich die Damen und Herren dann nicht phantasievoll als Heringe, Barsche, Lachse und Sprotten, sondern ausschließlich als Aale?
Es gab noch zwei weitere Kostümfavoriten, nämlich Wolfsmaulmasken und Hasenanzüge.

Von hinten tippte jemand auf ihre Schulter.
„Verzeihung, Sie sind geladen?“
„Ja, hier ist der Brief.“
Ihr Gegenüber nickte und deutete auf die Garderobe.
„Bitte suchen Sie sich etwas aus.“
Die Aalvariationen fand sie langweilig und das Vogelspinnengewand, auf welches er zeigte, geradezu abscheulich. Nachdem sie auch noch die dargebotene Vipernhaut ablehnte, zog er eine Narrenkappe mit Glöckchen hervor.
„Die dürfte zu Ihnen passen.“
Es ertönte ein Gong, und die Verleihungszeremonie begann.

Auf der Bühne öffnete ein mit Fischstäbchen-Krawatte geschmückter Aal einen Schrein. Beim Anblick des darin aufgestellten überdimensionalen Goldstückes verbeugten sich die anwesenden Gäste tief.
Nun rief der Krawattenaal den seit Jahren erfolgreichsten Lyriker des Landes auf die Bühne. Dieser trug einen Hasenanzug und daran heftete die Ehrennadel mit zwei Goldstücken.
Er begann darüber zu referieren, warum in der Sparte „Lyrik“ die Zweiernadel die höchste zu erreichende Auszeichnung sei, im Gegensatz zur Belletristik, in der eine Steigerung bis zur Zehnernadel möglich wäre.
„Die Leserschaft entscheidet! Mit Lyrik werden schließlich nur zwei Prozent der Gesamtgewinne im Verlagswesen erwirtschaftet.“
Schließlich versicherte der alte Hase, er wäre bis an sein lyrisches Ende ein armseliger Poet geblieben, wenn nicht der Lektor seines Verlages ihn in die große Handwerkskunst des Gedichteschmiedens eingeführt hätte. Als sich daraufhin ein grauhaariger Wolf erhob, standen alle Anwesenden auf und klatschten lang anhaltend.
Der Hase bat seinen Meister, auch die anderen Kollegen im Saale an seinem Schatz langjähriger Erfahrung teilhaben zu lassen. Dieser nickte und zeigte auf allerlei Utensilien, die schon auf der Bühne bereitstanden. Kaum lüftete er den Deckel einer großen Truhe, stiegen Rosenduft, Seifenblasen, blaue Wölkchen, rote Herzen, ein wenig Nachtschwärze und allgemeine Lebensweisheiten daraus hervor. Einige dieser Ingredienzien verrührte der Wolf in einem Topf, erhitzte ihn und füllte den Sud sodann in Auskühlformen.
„Liebe Gäste, ein gutes, sprich verkäufliches Gedicht muss eine exakte Passform erhalten. All jene, die eine Nadel mit Goldstücken erringen wollen, müssen jedes einzelne Wort bis auf das Mikrogramm genau abwägen. Eine Prise zu viele Seifenblasen, und die Kritiker tun das Gedicht als seicht ab. Ein einziges Molekül zu viel Dunkelheit hingegen lässt es garantiert in den Schreddern der Verlage landen.
Nicht ganz so vorsichtig muss mit Wolken und Herzen verfahren werden, doch sollten Sie diese unbedingt feiner dosieren, als es Ihre Leser bei eigenen poetischen Versuchen könnten. Bei den Lebensweisheiten hingegen ist Großzügigkeit sogar Gebot. Denn nichts schätzt die Leserschaft höher als das, was sich allgemeiner Bekanntheit erfreut.“
Zum Schluss nahm der Wolf ein abgekühltes Gedicht aus der Form und hob es hoch, als abschreckendes Beispiel für garantierte finanzielle Erfolglosigkeit:
„Kunst!“ höhnte er.

Ein kleiner, vor Öl triefender Aal wurde von dem Krawattenaal auf die Bühne geleitet. Der Wolf wandte sich erneut dem Publikum zu.
„Es gibt drei Wege zu den Goldstücken. Den Ersten hat dieser junge Dichter beschritten; er ist ein Naturtalent.“
Der Öl-Aal wurde zu der Truhe geführt, dort verband man ihm die Augen. Es gelang dem Anwärter mühelos, blind eine Mischung herzustellen und in eine Form zu gießen.
Das Ergebnis wurde vom Meister gemessen, gewogen und unter die Lektorenpresse gelegt. Schließlich hob er das Gedicht begeistert in die Höhe.
„Absolut exakt gearbeitet, die perfekte Norm. Wir gratulieren!“
Das Publikum spendete Applaus.
Damit die Zuschauer zur Nachahmung ermutigt würden, stellte das Naturtalent in großem Tempo ein Normgedicht nach dem anderen her.
Die Gäste raunten vor Bewunderung, denn wie schaffte es der Nachwuchsautor bloß, ständig mit anderen Worten dasselbe zu sagen?
Nun wurde ein junger Hase nach vorne gerufen, dessen Fell sogar noch seidiger glänzte, als das des alten Lyrikhasen.
Krawattenaal erklärte: „Unser nächster Anwärter befindet sich auf dem zweiten Wege des Erfolges.“
Glanzhase öffnete eine Schachtel. Helene vermutete, er werde Gedichte daraus hervorholen. Stattdessen entnahm er wortlos Visitenkarten und wirbelte diese wie ein Jongleur in der Luft herum. Dann räusperte er sich und begann, das Alphabet rückwärts von Z-A zu deklamieren.
Im Anschluss an diese Darbietung verlas der Wolf Ausführungen wichtiger Literaturkritiker bezüglich der Leistungen des Anwärters.
Besonders wurde darin hervorgehoben, dass dieser eine neue Gattung erschaffen habe, nämlich die Fragmentlyrik. Die Kritiker erklärten, das Gedicht sei bereits per Definition eine inhaltliche Verdichtung, die kürzeste aller literarischen Formen. Die Fragmentlyrik wiederum stelle ein geistiges Destillat der Poetik dar und die formale Beschränkung auf einzelne Buchstaben zwinge die Menschen zu neuem Bewusstsein. Mit anderen Worten, nur die intellektuellsten Denker des Landes würden fähig sein, diesem literarischen Quantensprung zu folgen.
Ehrfürchtig nickte die Gemeinschaft der Poeten und murmelte: „Z, Y, X, W, V, U.“

Helene spürte, wie jemand sie am Ärmel fasste und mit sich zog. Es war der Krawattenaal.
„Verehrte Herrschaften, nun darf ich Ihnen die einzige Dame im Kreise der Preisträger vorstellen; sie ist zugleich ein Beispiel für den dritten möglichen Weg zum Erfolg.“
Der Wolf deutete auf ein Rad, an dem ein Glasbehälter hing. Dieser war gefüllt mit Papierblättern.
„Da die ersten beiden Wege zum Erfolg nur wenigen vorbehalten sind, gibt es noch das Rad der Fortuna. Dieses Verfahren zeichnet sich durch absolute Gerechtigkeit aus, denn es beruht allein auf Zufall und Glück. Liebe Helene, Sie sind also das Glückskind der diesjährigen Nadelverleihung.“
Auf dieses Stichwort hin unterbrach eine publikumsintegrative Tanz-Performance durch das Poesie-Ballett seine Rede. Schornsteinfeger trieben mit besenlangen Plastikkleeblättern eine Schweineherde durch den Festsaal.
Nach Beendigung dieses Kulturbeitrages forderte der Wolf die Nadelanwärterin zur Übergabe ihrer Gedichte auf. Zunächst schritt er damit in Richtung Lektorenpresse, dann schüttelte er jedoch das Haupt und blieb stehen.
„Hier reicht es nicht, die Konturen abzuschleifen. Nichts davon passt in eine Verlagsschublade.“
Ein Fingerschnippen genügte, und ein Schmiedehammer wurde auf die Bühne gebracht. Der Meister hob das Werkzeug hoch und holte zum Schlag aus. Die Gedichte begannen, um Hilfe zu rufen.
Eines schüttete eimerweise Lebensschatten gegen den Angreifer, die Farbe Rot schrie, er sei ein Verräter der Kunst und die Schneide des Tagmondes stellte ihm ein Bein.
Die Anwärterin raffte, so schnell sie es vermochte, die Gedichte zusammen und rannte durch den Saal in Richtung Ausgang.
Das Publikum glaubte, es handle sich um die Fortführung der Poeten-Performance, und forderte begeistert eine weitere Zugabe.

Mit zerknitterten Blättern in der Jackentasche lief Helene ohne Goldstück-Nadel nach Hause. Die Glöckchen der Narrenkappe läuteten leise und ihr Klang lockte unverkäufliche Gedichte an.


(c) Christiane Schwarze