Christiane Schwarze

Kutteln

Konservendosen, Zuckerpäckchen und Milchtüten glotzen sie an. So sehr Erika sich beeilt, alle Zutaten in den Wagen zu legen, fühlt sie sich den Leuten um sich herum doch im Wege.
Sie hat sich angewöhnt, zwischen zwölf und ein Uhr einzukaufen, wenn die Mütter den Kindern das Essen auf den Tisch stellen. In dieser Stunde füllen Verkäuferinnen auch nie das Sortiment auf.
Wenn ihr Puls zu heftig rast, bleibt sie stehen, um tief durchzuatmen. Danach plant sie den nächsten Streckenabschnitt durch das Regallabyrinth.
Es fehlen noch Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten, Mehl und natürlich Gewürzgurken. Sie darf nichts vergessen. Salz, Zucker, getrockneter Basilikum und Öl stehen zu Hause in der Speisekammer. Doch was ist mit Kapern? Wenn sie sich nur erinnern könnte. Sollten sie verbraucht sein und sie brächte keine mit, würde er sich bei seiner Mutter für ihre schlechte Küche entschuldigen. Sofern aber doch noch ein Glas im Schrank stünde, würde er die Augenbrauen hochziehen und fragen, warum sie sein Geld nicht gleich zum Fenster herauswarf.
Einmal besorgte sie versehentlich eine doppelte Packung Salz. Sie fand es nicht schlimm, dachte, dass Salz doch nicht schlecht wird.
„Das bringst du zurück.“ Er stand auf, wog das Päckchen wie einen Stein in seiner Hand und sagte leise: „Das bringst du zurück.“
Eingelegte Kapern halten sich auch monatelang. Aber er würde es diesmal nicht dabei bewenden lassen, sie in das Geschäft zurückzuschicken, um das Glas wieder gegen Geld umzutauschen.
In der Kühltruhe neben ihr stapelt sich gefrorenes Geflügel. Eine Dame lächelt: „Hähnchen in Burgundersauce, ein Traum.“
In dem Wagen der Fremden liegt eine Flasche französischer Rotwein.
Erikas Blick krallt sich an den Eiskristallen fest, die Enten und Poularden überziehen. Sie fühlt die Kälte des Kühlhauses, in dem er arbeitet. Er wartet bestimmt schon darauf, dass sie den Pansen abholt.
Aber wie soll sie die Tomatensauce für die Kutteln zubereiten, wenn ihr vielleicht die Kapern fehlen?
Die Dame lacht: „Ich helfe Ihnen bei der Auswahl. Nehmen sie den.“
In Erikas Wagen liegt ein Hahn. Die Innereien sind bereits ausgenommen und stecken separat in einem Plastikbeutel.
Wie lange ist es her, dass sie den Duft eines Grillhähnchens gerochen hat? Sie kann sich nicht erinnern. Hermann verlangt Rindersteak, nicht zu lange gebraten, es soll noch blutig sein. Oder gefülltes Schweineherz. Wenn seine Mutter zu Besuch kommt, soll sie Kutteln mit Tomatensauce auf den Tisch bringen. Sechs bis zehn Stunden muss der Vormagen einer Kuh gegart werden, bevor er in Streifen geschnitten und gegessen werden kann. Der Gestank setzt sich tagelang in der Küche fest.
Vorgekochte Kutteln vom Metzger darf sie seiner Mutter nicht vorsetzen.
In ihrem Einkaufswagen liegen das Hähnchen und das Lächeln der Frau.
Erika will das Lächeln nicht in die Gefriertruhe zurücklegen.
Sie weiß noch, wie das Etikett auf der Weinflasche aussieht.
Hermann möchte ausschließlich Pils und sie soll Mineralwasser trinken.
Der Rotwein steht drei Gänge weiter, ganz hinten rechts. Den Platz kennt sie genau, weil sie dort schon oft eine Pause eingelegt hat.
Plötzlich lässt sich der Wagen ganz leicht schieben, sie braucht auf dem Weg kein einziges Mal anzuhalten, um durchzuatmen. Sie wartet auch nicht wie sonst ab, bis die anderen Kunden die Auswahl beendet haben, damit sie alleine ist. Zielsicher greifen ihre Hände nach dem Burgunder.
Am Ausgang hängt ein Schild. Weiße Buchstaben auf blauem Untergrund besagen, dass Kühlwaren von der Rückgabe ausgeschlossen sind.
Hermann sieht jetzt auf die Uhr. Das weiß Erika, obwohl sie die Metzgerei noch nicht erreicht hat.
„Du kommst zu spät“, wird er sagen. Er wird mit dem Finger auf das Zifferblatt zeigen und die Anzahl der Minuten nennen, die er gewartet hat.
Danach wird er die Hand nach dem Kassenbon ausstrecken.
Sie hat seinen Arbeitsplatz fast erreicht und sie erinnert sich, dass keine Kapern mehr in der Speisekammer stehen.
In dem Einkaufsnetz liegt kein neues Glas, sondern ein Hähnchen und eine Flasche französischer Rotwein.
Es ist später als sie dachte, alle Metzgereigehilfen sind bereits nach Hause gefahren. Der Parkplatz ist leer und sie wird mit Hermann alleine sein.
Als sie das Kühlhaus betritt, erwartet sie, dass er Rinderknochen zerteilt. Doch das Beil liegt seitlich auf einem langen Holzbrett, neben dem Pansen, den sie holen soll. Sie ist alleine mit den aufgehängten Fleischstücken.
Die Tür zum Gefrierraum ist angelehnt, durch einen Spalt kann sie Hermanns Nacken und den blauweißen Arbeitskittel sehen. Der Kittel ist blutbefleckt, weil heute Schlachttag war.
Leise drückt sie den Griff herunter, schließt die Tür und dreht den Schlüssel um.
Langsam geht sie nach Hause. Sie hat Zeit. Das Hähnchen in ihrem Netz beginnt in der Sonne aufzutauen.


(c) Christiane Schwarze