Hermine Geißler

Der Wolf

Margaretha hatte die letzten Häuser Gemündens hinter sich gelassen und beschleunigte ihre Schritte in die noch dämmrige Morgenlandschaft.
In der rechten Hand den knorrigen Stock und in der linken den Lederriemen ihrer Tragekietze aus Weidengeflecht, versuchte sie in der unwirtlichen Winterlandschaft voran zu kommen. Die Kälte fuhr ihr durch alle Glieder und die vielen Röcke, die sie übereinander gezogen hatte. Auch die dicke Strickjacke und das wollene Brusttuch konnten den Frost nicht recht mildern, der an diesem kalten Frühjahrsmorgen über das Land kroch und ihren Atem in weißen Wolken vor ihr her schob.

Gerne hatte sie sich nicht an diesem ungemütlichen Morgen auf den Weg nach Wohra gemacht. Von der Not getrieben wollte sie beim Junker Clauer die längst fälligen Schulden eintreiben und in ihrer Kietze, die schwer auf ihrem Rücken wog, waren Brote und Wecken, die sie bei dieser Gelegenheit zu verkaufen gedachte.
Jetzt, Anfang März waren die Wintervorräte und das Geld längst aufgebraucht.
Ihr Mann Johannes wusste nicht mehr, woher er das Mehl für die Backstube holen sollte, denn beim Müller standen sie schon so hoch in der Kreide, dass er ihnen nichts mehr gab.
Man schrieb das Jahr 1654, sechs Jahre war der große Krieg zuende, und noch immer vegetierten die Bauern und Häusler der Umgebung von Armut gebeutelt dahin. Das Land, von dreißig Jahren Krieg verwüstet und ausgeplündert, glich einer ausgetrockneten Quelle. Viele Menschen waren der Pest zum Opfer gefallen oder völlig verarmt in die Fremde gezogen.

Nur mühsam kam Margaretha auf der alten holprigen Landstraße vorwärts. Die tiefen Fahrrinnen waren vom Frost verkrustet, die aufgeweichten Schneeränder zum Feld hin tückisch glatt. Die Bäume rechts und links der Landstraße streckten ihr, noch gefangen in ihrer Winterstarre, die dürren Äste wie Bettler entgegen.
Ein leichter Nebelschleier lag im Tal und langsam zeigte der Morgen sein Gesicht.

Während sie mit ihren schon etwas getrübten Augen, mit dem Stock immer den Boden abschätzend, vor sich hin stampfte, dachte sie mit Vorfreude an die heiße Milch, die sie in Wohra beim Bauer Müller erwartete, wenn sie dort ihr Brot ablieferte.
Schon früh um sechs war sie aufgebrochen, denn fünf Kilometer wollten mit der schweren Last gelaufen sein. Und wenn sie ihre Geschäfte erledigt hatte, musste sie sich beeilen, damit sie am frühen Nachmittag wieder zu Hause war, um der Familie die dünne Brotsuppe vorzusetzen.

Durch die Verwilderung und Verwüstung der Flur, während des Krieges, trieben sich vermehrt Wölfe in der Gegend herum. In der Morgen- und Abenddämmerung und oft auch in der Nacht hörte man sie heulen. Sie waren zu einer richtigen Plage geworden, es gab kaum noch Wild in den Wäldern. Landgraf Wilhelm hatte deshalb seit einiger Zeit Wolfsjagden angeordnet, denn was ihm bei seinen Jagden entging, holten sich die Wölfe. Nach dem langen, harten Winter plagte auch sie der Hunger, wie alle Kreaturen.
Erst letzte Woche hatten Wolfsjäger an der Osterbach in der Abenddämmerung zwei dieser Ungeheuer erlegt, der Rest des Rudels war davon gekommen.

Als Margaretha das Haus verließ war Johannes in Sorge gewesen „Mir wäre es lieber, du würdest den Weg um diese Jahreszeit nicht machen“, sagte er, „Wölfe fallen Menschen zwar nicht an und vergreifen sich eher an Schafen oder Schweinen, aber sie sind nicht ungefährlich“ und er mahnte sie, nicht so lange bei den Worschen Bauersleuten zu schwatzen und sich zu beeilen. Aber sie hatte keine Angst, sie war eine beherzte Frau. Und sie konnten weder auf Junker Clauers Geld noch auf die Einnahme aus dem Brotverkauf in Wohra verzichten.
Ihr Sohn Karl hatte sich in seiner Schlosserwerkstatt vor Weihnachten bei einem Unfall eine böse Beinverletzung zugezogen. Seitdem konnte er seine Werkstatt nicht mehr so recht führen und der brummige Geselle und der Lehrbub ließen es langsam angehen, wenn Karl wieder einmal mit starken Schmerzen im Bett lag. Trotz der Beinwellwickel wollte die Entzündung nicht heilen.
Sowieso gingen die Geschäfte schlecht, wer hatte schon Geld für den Schlosser. Karl hatte drei kleine Kinder und eine Frau zu versorgen und da mussten die Eltern helfen, wo es nur ging.
Während der Schnee unter ihren groben Holzschuhen knirschte, gingen Margarethas Gedanken auch zu ihrer armen Tochter Elisabeth, die letztes Jahr im Kindbett gestorben war und zwei kleine Kinder hinterlassen hatte, die jetzt bei ihr lebten. Den Schwiegersohn hatte sie in Kost und Logis dazu bekommen, da seine Leute sämtlich der Pest erlegen waren. Zum Glück half er ihrem Mann in der Bäckerei.

Inzwischen war es heller geworden und ihren Beinen nach wäre sie gerne am Ziel gewesen. Mit ihren 54 Jahren gehörte sie fast schon aufs Altenteil. Die Arbeit ging ihr, seit dem schlimmen Husten im Januar, nicht mehr so von der Hand.
Zum Glück hatte sie den bewaldeten Teil des Weges fast durchschritten und die Brachecke war schon in Sicht. Bald würde sie Wohra erreichen.

Trotz ihres schlechten Augenlichtes sah sie ihn dort vorne stehen.
Hochbeinig und schmutziggrau schaute der Wolf ihr direkt entgegen.
Mutig klemmte sie den Stock unter den Arm, klatschte laut in die Hände und rief zischend „Ksch, Ksch“ in seine Richtung, doch er rührte sich nicht.
Sie spürte die Angst durch ihren Körper rinnen wie bitteres Gift. Ihre Füße erstarrten im Tritt und eine lange Weile stierte sie auf die schwarze Schnauze des klepperdürren Wolfes, als könne sie ihn damit an seinen Standort fesseln.
Er lief ihr ein paar Schritte entgegen, als hätte er nur auf sie gewartet. Margaretha versuchte ihre Angst nieder zu kämpfen, während sie den Stock fester fasste und laut rief: „Mit dir werde ich schon fertig, wenn du erst satt bist, machst du dich schon von alleine davon, Wölfe fallen keine Menschen an, hörst du.“ Beherzt tat sie noch einige Schritte in seine Richtung und schlug mit dem Stock auf den Boden.
Der Wolf spitzte seine großen Ohren, und blieb, von den Geräuschen irritiert, einen Moment stehen. Jetzt sah sie, dass er seine Zähne fletschte und den Kopf leicht geduckt hielt. Rechts und links ragten ihm zwei große Reißzähne aus der Schnauze. Margaretha blieb ebenfalls stehen, versuchte den Stock zwischen die Beine zu klemmen und ließ langsam ihre Kietze vom Rücken gleiten.
Sie entnahm ihr zwei Wecken und warf sie in seine Richtung, wobei ihr der Stock entglitt und davon rollte, während sie laut fluchte.
Der Wolf verschlang die Wecken sofort und sie warf und warf ihm weitere vor sein gefräßiges Maul.
Dann kam er wieder ein Stück näher, sie sah seinen dampfigen Atem, bemerkte, dass er die Wecken nicht mehr anrührte, und wusste mit einem Mal, dass er sie wollte, nicht ihre Wecken.
Sie wagte nicht, sich nach dem Stock zu bücken und während sich Todesangst ihrer bemächtigte, fing sie an, ihn mit den Wecken und mit Brot zu bewerfen. Dabei schrie sie laut in die frostklare Stille, um ihn zu vertreiben.
Der Wolf machte einen kleinen Sprung zurück und zeigte sein grässliches Gebiss, während er drohend knurrte.
Margaretha versuchte ebenfalls zurück zu weichen, zog den Korb mit sich. Während sie ihn weiter bewarf, rutschten und strauchelten ihre Füße auf dem glatten Untergrund und während sie fiel, gingen ihre Gedanken zu den Enkelkindern Heinrich und Marie und zum armen Johannes, die auf sie warteten.
„Oh, mein Gott, oh, mein Gott“ schrie sie in die menschenleere Gegend und riss sich noch am Boden liegend das Tuch von den Schultern, um damit in letzter, entschlossener Gebärde um sich schlagend, den Wolf, der jetzt zum Sprung ansetzte, abzuwehren.
Als sie den rasenden Schmerz an ihrer Schulter, am Hals und am Arm spürte, war das letzte was sie sah, die blutige Schnauze des Wolfes.


Hermann Bartel fror auf seinem Wagen seit er Wohra verlassen hatte. Auch sein Pferd lief nicht mit dem gewohnten Eifer den Weg, immer wieder schmiss es den Kopf in die Höhe und blies die Nüstern auf.
Ein wirklich ein garstiger Tag war es, der sich da ankündigte, und Hermann sehnte das Frühjahr mit seiner milden Sonne herbei, das ihm Erleichterung auf seinen Handelsreisen bringen würde. Aber die Bauern brauchten gerade im Winter Kettenringe, Werkzeuge und Eisen. Und die Bauersfrauen konnten nur in der kalten Jahreszeit Garn spinnen und den Stoff weben, den er dann in der Stadt verkaufte.
Er wickelte sich fester in seine Decke und zog den Hut etwas tiefer ins Gesicht, als sein Pferd unruhig schnaubte. Immer lauter hörte er jetzt ein schreckliches Schreien.
Er spornte sein Pferd an, das nur widerwillig auf der gefrorenen, kantigen Fahrrinne schneller trabte.

Als nach der leichten Kurve an der Brachecke die ersten dichten Bäume des Wäldchens auftauchten, sah er zuerst den Wolf und das viele Blut. In kleinen Pfützen stand es auf der gefrorenen Erde. „Du meine Güte, da liegt ja jemand“ durchfuhr es ihn und nun sah er auch die Kietze, die auf der Straße stand. Sogleich rief er laut, knallte mit der Peitsche und spornte das sich sträubende Pferd noch mehr an.
Als der Wolf ihn wahrgenommen hatte, ließ er einen Moment von dem Bündel ab, in das er hineinbiss, wich aber nicht von der Stelle. Mit blutverschmierter Schnauze sah er ihn abwartend an.
Erst als der Handelsreisende ihn, näher gekommen, vom Wagen aus mit der Peitsche traktierte, zog er heulend davon.
Hermann eilte zu dem Bündel, sah nur Blut und darunter einen furchtbar zugerichteten Menschen, den er anhand der Kleidung und der aufgelösten Haare unter der Haube als Frau erkennen konnte. Der Schreck trieb ihm für einen Moment die Kälte aus den Gliedern und er stammelte „Gute Frau, könnt ihr mich hören, lebt ihr, mein Gott, was ist euch zugestoßen“. Die Frau stöhnte dumpf von ganz tief innen.
Während er schaute, ob der Wolf zurückkam, versuchte er die Frau aufzusetzen und ihr das Blut mit dem Tuch, das neben ihr lag von Gesicht und Körper zu wischen, ließ es aber sein, als er merkte, wie schlimm sie zugerichtet war. Für kurze Zeit erlangte sie das Bewusstsein und er fragte sie, wie sie heiße und wo ihr Heim lag. Wie mit letzter Kraft kam aus dem geschundenen Körper “Moll, Margaretha, aus Gemünden“ Dann sackte sie zusammen.

Als er die aus dem Maul des Wolfes Gerettete auf seinen Wagen trug, kam kein Laut mehr von ihr und er bedeckte notdürftig ihren leblosen Körper mit ihrem Tuch und leeren Säcken, die auf dem Wagen lagen.
Ihm graute fürchterlich nach diesem Erlebnis und er trieb sein Pferd an, damit er den Angehörigen wenigstens den Leichnam zur Bestattung bringen könne.

Während er das Wäldchen durchfuhr, suchten seine ängstlichen Blicke immer wieder die Gegend nach dem Wolf oder seinen Artgenossen ab. Vielleicht trieben sich ja mehrere in der Gegend herum, etwa ein ganzes Rudel, das nun das Blut gerochen hatte, was dann? Gegen ein ganzes Rudel könnte selbst er nichts ausrichten.
Der kalte Schweiß lief ihm den Nacken hinunter und die Fahrzeit erschien ihm endlos lang, bis er erleichtert die ersten Häuser von Gemünden auftauchen sah. Er knallte mit der Peitsche und rief laut um Hilfe, aber es dauerte eine Weile, bis die Leute ihn hörten und bei dieser Kälte aus den Häusern kamen.

Als sie erfuhren, was geschehen war, setzte eine große Aufregung ein und er wurde von einer Traube durcheinander rufender Menschen zum Haus der Molls begleitet.
Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile und Johannes stand mit einem Gesicht, weiß wie sein Mehl, vor dem Haus, als hätte er alles längst gewusst.
Beim Ausladen und betten stöhnte Margaretha immer wieder und Johannes entfuhr es:“ Gott sei Dank, sie lebt.“

Die herbei gerufenen heilkundigen Frauen konnten zwar ihre Blutungen stillen und sie noch für eine Weile des Gebetes und des Abschieds am Leben halten, doch als die Glocke der Kirche um 12 Uhr den Mittag läutete, war Margaretha Moll von ihren Leiden erlöst.

(c) Hermine Geißler



Noch heute steht zwischen Gemünden und Wohra auf der alten Landstraße, die heute als Fahrradweg ausgewiesen ist, an der Stelle, an der Margaretha Moll im Jahr 1654 von dem Wolf angefallen wurde, ein stark verwitterter Gedenkstein. Auf der daneben stehenden Tafel kann man die ursprüngliche Inschrift lesen:

„ Molls Hausfraw aus Gemünden ward, indem sie aus Wohra gehen und daselbst Geschäfte verrichten wollen, von einem Wolff allhiero ahngefallen und fürchterlich zugericht. Durch wunderbahre Reigirung Gottes von einem Reisende dem Wolff aus dem Rache und in ihr Haus zu ihrem Mann und Kindern gebracht, daselbsten an guthem Verstandt in wahrer, glaubiger Ahnrufung Gottes unter vihlerlen Schmerzen und Gebeth sanft und seelig in Christo entschlafen, ihres Alters 54 Jar“

Quelle: „Vom Dorf zur Stadt“ von Else Wissenbach