Alexandra Pätzold

Acht Topflappen, ein Foto und ein Aschenbecher.

1. Strophe

Du hast Topflappen aus dem Wäscheschrank geholt.

Ich habe überlegt, was mir zuerst einfällt, wenn ich an meine Großmutter denke.

Schreibst du jetzt über deine Wurzeln?

Lass mich doch die Dinge erst mal zurecht legen.

Frauenkunst - Kakteen häkeln ...

Immerhin wurde bei der Jahrespräsentation der Städelschüler akzeptiert, den Stamm der Platane am Hofeingang zu umhäkeln.

oder eine Apfelaktion.

Eine Kasseler Absolventin hat über der Eingangstür des Marburger Kunstvereins Tage lang Äpfel geschält, die den Besuchern vor die Füße fielen.

Auch die Jungen wollen Frauenalltag biblisch überhöhen.

Einen Topflappen habe ich einer Kollegin zum fünfzigsten Geburtstag geschenkt, weil er vermutlich genau so alt wie sie ist. Einen habe ich meiner Schwester in ein Weihnachtsfresspaket gelegt. Sechs habe ich noch, von denen zwei in festem Gebrauch und dementsprechend angedreckt sind.

Du hast es mit den Einzelheiten.

Sie sind glatt rechts mit Baumwolle gestrickt und in einer anderen Farbe umhäkelt: entweder weiss mit blau oder – wie die benutzten – blau mit weiss.

Die Details beruhigen dich.

Der Rand ist doppelt - zuerst in der Farbe des gestrickten Quadrats von sechzehn Zentimeter Seitenlänge, dann in der zweiten Farbe - gehäkelt und an einer Ecke - auch zweifarbig - um zwölf Luftmaschen erweitert worden, um sie hängen zu können.

Dir geht es nicht um Kunst.

Die vier weissen liegen gebündelt in meinem Wäscheschrank. Das anderthalb Zentimeter breite festgewebte Band, das mit Enzianblüten bestickt ist, hat noch meine Mutter geknotet. So sorgfältig war ich nie.

Zur Hochzeit solltest du eine Aussteuer vorweisen können.

Gegen das Licht gehalten hat fast jeder lockere oder gefallene Maschen. Einzelne Fasern sind dabei auf der Strecke geblieben. Ausserdem hat der Faden nicht gereicht, so dass jeder mindestens einen dicken Knoten hat.

Du hängst sehr an Vergangenem.

2. Strophe

Schulspeisungen habe ich selbst erlebt. Mit einer Kelle wurde Hersheys-Schokoladensosse in einen Emaille-becher gegossen. –
In einer Sylvesternacht haben wir, mein Bruder und ich, als wir längst an der Hochschule waren, abwechselnd Sekt und diese amerikanische Sosse in unsere Kehlen träufeln lassen. Wegen eines furchtbaren Krachs der Eltern wollten wir uns dem Luxus hingeben.

Wie kommst du auf jetzt auf Schulspeisungen?

Die sind mir zu den Carepaketen und zum Schicksal einer Tante eingefallen. Als meine Mutter erklärte, warum eine ihrer Schwestern in Kapstadt gelandet war, begriff ich die Tragweite. Man war Vierzehnachtzehn auf Lebensmittel angewiesen. Um die Dankbarkeit lebendig werden zu lassen, durfte sich der Absender, ein englischer Major, eine Tochter aussuchen. Nach seinem Abschied vom Militär konnte er sich eine Farm am Kap der Guten Hoffnung kaufen. Er bekam die Jüngste. Sie soll ihn sehr geliebt haben.

Es gab vermutlich keine andere Sprache.

Jahrzehnte später erschoss sich deren älteste Tochter auf einem Korbstuhl im Vorgarten des elterlichen Hauses.

Du fürchtest dich vor Übertragung.

Nach Neunzehnhundertachtzehn waren die Kadettenanstalten geschlossen worden. Dadurch fehlte den verarmten Witwen eine Möglichkeit, den Sohn standesgemäss unterzubringen. Man gab in der Not einen Zehnjährigen in die Obhut eines ausgewanderten Verwandten. Der lebte bei den Indianern in Canada.

"Man" soll dich schützen.

So haben wir Kinder ahnungslos mit echten indianischen Tomahawks, Lederblusen und Häuptlingsfedern gespielt.

Indianerspiele waren nach dem Krieg beliebt.

Die eine Tochter aus Dankbarkeit verschenkte, die ihren kleinen Sohn zu den Indianern schickte und die als alte Frau so mühselig und nur um für irgendetwas gut zu sein, Topflappen strickte, hiess Tönchen. Von Antoinette. Ihre Mutter, die sogenannte ‚Oma Schweinsberg‘, hatte sie – so wurde erzählt - oft gescholten, sie sei unartig. Man kam nicht auf die Idee, dass sie auf einem Ohr taub war.

Gehorsam war oberstes Gebot der Erziehung.

3.Strophe

Meine Mutter schämte sich ihr Leben lang, dass ihr Vater, Offizier des Fünfundsiebziger-Husarenregiments, im ‚Frieden‘ an Diphterie gestorben und nicht im ‚Feld‘ gefallen war. Noch als sie todkrank war und ich ein später abfotografiertes und dadurch wie eine Erscheinung auf dem matten Papier schwebendes Portrait ihres Vaters auf ihren Nachttisch stellen musste, damit sie es jederzeit sehen konnte, schämte sie sich. Minuten später konnte sie wie ein Backfisch von den stattlichen Offizieren dieses Regiments schwärmen. Sie selbst ist ihnen vermutlich nie begegnet.

Du möchtest nicht wissen, worüber du dich schämst.

Ein Foto zeigt meine Mutter als Fünfjährige mit gezückter Peitsche auf einem Leiterwagen, vor den ein stolzer Ziegenbock gespannt ist. In der Sonne blinzelnd, mit artig zum Lächeln verzogenem Mund schaut sie im weissen Rüschenkleid in die Kamera. Solange der Vater gelebt hat, wurden die Kinder fotografiert.

Das Foto ist vergilbt und eingerissen.

Ich habe es gescannt und den Schwestern als Klappkarte geschickt.

Ihr wärt gerne behütet aufgewachsen.

Später soll die Mutter - so schrieb meine Schwester - eine richtige Peitsche gehabt haben. Sie hiess Fritz. Mich hat sie nur einmal – weinend - mit einem Kleiderbügel geschlagen. Das war in den Fünfziger Jahren. Die Peitsche Fritz gehört in die Dreissiger Jahre.

Züchtigung bei Ungehorsam gehörte zum Erziehungs-kanon.


4. Strophe

Ich besitze einen gebrannten Aschenbecher. Sein Durchmesser ist zwölf und die Höhe drei Zentimeter. Der Rand ist an drei Stellen breit nach aussen gedrückt.

Ablage für die Zigarren im Herrenzimmer.

Auf dem Boden ist das Familienwappen gemalt.

Der Adel hat keine Bedeutung mehr.

Ich kenne übrigens keine Geschichten aus dem Herrenzimmer!

Die Lebensbereiche waren getrennt.

Bei Beerdigungen aber war man beieinander. Da bin auch ich den Herren begegnet. Sie haben mich öfter mal in die Wange gezwickt, angeblich weil wir bürgerlichen Cousinen so gesund aussahen.

Adlige Blässe ist ein guter Vorwand.

In Darmstadt war der Aschenbecher hinter Glas.

Du brauchst ihn nicht mehr auszustellen.

Ich verwahre ihn unten in meinem Esszimmerschrank. Andere dürfen keinesfalls entdecken, was ich da hüte. Ich möchte nicht aussortiert werden.

5. Strophe

Die Art, wie du die Dinge beschreibst, ist zwanghaft.

Ich halte mir damit die Familie vom Leib.

Die Dinge lagern trotzdem in deiner Seele.

Von den Verhältnissen, in die ich hineingeboren worden bin, habe ich mich immer gestört gefühlt. Fränkische Bauern und Metzger väterlicherseits: die jedoch zu Geld kamen. Land- bzw. Soldatenadel mütterlicherseits: ohne Geld, aber begierig nach Reichtum.

Du hast Angst vor der Angst, dich anzustecken.

Der eine Grossvater ist reich geworden, indem er Tiere für jüdische Familien geschächtet hat. Der Bruder meines anderen Grossvaters wurde mit einer siebzehnjährigen Jüdin verheiratet. Und das obwohl seine Schwestern Briefe in den Achtzehnneunziger Jahren – übrigens schon damals – darüber austauschten, ob die adlige Familie des Geldes wegen diese Blutsverunreinigung auf sich nehmen solle.

Du hast die Briefe nicht ediert.

Mein Vater verriet die Verwandten meiner Mutter an die Gestapo.

Sein Geld nahmen sie trotzdem.

Die Cousinen meiner Mutter wurden in Beirut versteckt. Deren Mutter ist nach Theresienstadt verschleppt worden. Zu Tode erschöpft soll sie den Töchtern das Versprechen abgenommen haben, jüdisches Blut nicht zu vererben.

Auch die Töchter sind dem Rassenwahn aufgesessen.

Es wurde nie darüber gesprochen. Eine der Cousinen wurde meine Patentante. Sie verwies mich auf die Bücher, auf Byzanz, auf die Kantaten von Bach, auf Kleist.

Bildung war ihr Trost.

Damals hielt ich es für Standesdünkel. Ihr Byzanz hat mich aber doch veranlasst, mit einem DAAD-Stipendium nach Griechenland zu verschwinden.

Dein Vater hat nicht umsonst gegen dein Höhere-Tochter-Studium gewütet.

Bevor ich den Hellas-Express bestiegen habe, drohte er mir: Komm ja nicht mit einem Griechenbankert zurück!

Die Pille gab es damals noch nicht.

Zum Abitur hatte mir die Patentante eine Biedermeier-Puppe mit Wachsgesicht, gläsernen Schlafaugen, echtem Haar und Porzellanarmen geschenkt. Ich habe sie gehütet – vor allem weil sie von dieser Tante stammte.

Du hast die Puppe geliebt wie die Verkörperung einer edleren Seele.

Als die Tante neunzigsten Geburtstag hatte, fiel mir ein, dass ich inzwischen einen passenden Puppenstuhl aus der Gründerzeit gefunden hatte. Ich packte die Puppe samt Stuhl in eine grosse Plastikeinkaufstüte und fuhr zu ihr nach Darmstadt. Als ich die Puppe – im Stuhl thronend – auf das Bücherregal gestellt hatte, verzog die Tante ihr Gesicht. Sie fürchtete sich.

Die Puppe war ein Geschenk ihrer Mutter.

Auf die Idee, dass sie ihre Mutter gehasst haben könnte, bin ich nicht gekommen.

6.Strophe

Du siehst in den Dingen verborgene Gefühle.

Ich will die Knoten lösen, an die meine Erinnerungen gebunden sind. Und schreibe, weil ich klären will.

Nach den 'Kindheitsversen' könnte es nun gut sein.

Einzelnes will ich noch genauer betrachten.

Jede Frau legt solchen Nippes in ihren Schrank.

Über Nippesschränke zu lächeln, nützt mir nichts. Ich hänge an meinem Kram.

Du hast Jahrzehnte in der Frauenforschung verbracht.

Weil ich über etwas forschen wollte, das mir nahe ist. Nicht nur einen Wissenschaftsbetrieb bedienen.

Jetzt betreibst du Spurensicherung.

Das wäre ehrenvoll. Ich meine, dass ich die Gegenstände lediglich hüte.

Frauen sind selten zufrieden.

Zu Ehren Simone de Beauvoirs gab es anlässlich des fünfzigjährigen Erscheinens von „Das andere Geschlecht“ eine Veranstaltung in Köln. Dort sassen die Alten nebeneinander – keine unter siebzig, laut, unangepasst, grossartig!

Du brauchst Vorbilder.

In der Debatte ging es hoch her. Eine in Österreich gebürtige amerikanische Historikerin verkündete, Frauen seien immer widerständig gewesen, auch wenn dafür archäologische Befunde fehlten. Wer ausschliesslich danach suche, drehe sich im Kreis und sähe nichts als Opfer!

Auf dem Opferkarussell möchtest du keinesfalls sitzen.

Die Exilantinnen waren alles andere als milde gestimmt. Köstlich! Sie hackten auf die Französinnen ein. Und die fühlten sich im Reisekostümchen und doppelreihiger Perlenkette zu Unrecht angegangen, weil angeblich und ausgerechnet das Kapitel über Sexualität in der amerikanischen Übersetzung von Beauvoirs Buch fehlen solle.

Über Prüderie lässt sich gut lachen.

Weil ein solcher Streit der Frauensache nur schaden könne, wurde die Redakteurin des WDR ausgeschlossen und die Veranstaltung abgebrochen.

Frauen streiten nicht in der Öffentlichkeit.

Intellektuell kann ich solche Widersprüche gut aushalten.
Aber es tut mir in der Seele weh, wie diese Auseinandersetzung abgewürgt wurde. Sie war wertvoller als Streit! Weil die zentralen Fragen nach Widerständigkeit und Eigensinn der Frauen zur Sprache gebracht wurden.

Opferverweigerung und Eigensinn sind keine erwünschten Themen. Dekonstruktion verlangt Distanz.

Die Vorstellung, mein Erleben eigenhändig zu strangulieren, um solcher Distanzierung zu genügen, macht mich rasend! – Lieber sehne ich mich nach den alten Topflappen meiner Grossmutter, nach dem vergilbten Foto meiner Mutter, der Biedermeierpuppe meiner Patentante oder dem nie benutzten Wappenaschenbecher für das Herrenzimmer, den auch ich glaube aufbewahren zu müssen.

Du möchtest dich identifizieren können.

Ich brauche die Erinnerung. Auch wenn sie in den Dingen eingeschlossen ist.

(c) Alexandra Pätzold

Veröffentlicht in: Salto morale - wie wir leben. Verlag Wortwechsel, Kaufungen 2008