Claus Schöendorf

Wassermusik

I. Kassel-Wilhelmshöhe
Frank ärgerte sich über sich selbst. Er hatte die Frau, die seinen Gepäckkuli entführen wollte, angeblafft: „Moment mal, der gehört mir, den hab ich bezahlt!“ Auch das noch: Bezahlt! Was ich bezahlt habe, gehört mir. Als sei das die einzige Legitimation für Zugehörigkeit.
Nördlich von Kassel plötzlich Nacht. Er wunderte sich ein wenig. Nur wenig, denn die Dinge gerieten immer häufiger aus dem Lot. Dann schlagartig Tag. Trübe zwar, aber eindeutig Tag. Ein Tunnel also. Ginster am Bahndamm: Soldaten in graubrauner Uniform, wachend.
Frank spürte wieder seine Nieren. Oder waren es die Bandscheiben? Er kannte seinen Körper ebenso gut oder schlecht wie den Mond. Waren die neulich von einem Satelliten aufgenommenen Mondbilder Spiegelungen von Wasser oder etwas völlig anderes? Wer wußte das schon genau? Ihn belustigte der Gedanke, daß der Körper so fremd wie der Mond war. Welche Summen in die Erforschung des menschlichen Körpers und des Himmelskörpers investiert wurden! Je weiter man vordrang, desto größer wurde das Unbekannte.

Göttingen
Die schwarze Nachtfee stieg ein, lächelte zurückhaltend: „Entschuldigung, Sie sitzen auf meinem Platz.“ – Frank hätte auf dem Sitz neben ihr bleiben können. Sie roch gut, und er mochte die Art, wie sie ihn angesprochen hatte. Sie trug nicht ihre Reservierung vor sich her, sie trug ihr Lächeln. Oder trug ihr Lächeln sie? Aber er brauchte Raum um sich, mindestens einen Sitz Abstand zu anderen Menschen. Gerüchen. Bewegungen.
Gesichtsausdrücken.
Als er aufstand, fragte eine am Fenster stehende Glatze: „Hauen Sie ab?“ – Frank war verblüfft über die Formulierung. War er denn auf der Flucht? Ja, er war auf der Flucht. Von zu Hause. Nein, das war nicht richtig. Nicht von zu Hause. Er hatte kein Haus, in dem er daheim war. Er floh vor sich selbst.
Heute morgen nach dem Aufstehen war es ihm schlagartig bewußt geworden. Oder besser: in die Glieder gefahren. Er spürte, daß er eigentlich nicht stehen konnte. Das Aufrechte war der Schmerz, Vorwärtsgehen eine Pein.
Frank wünschte sich Ruhe, nichts als Ruhe. Liegen. Dämmerung. Flüstern. Wärme. Aber es würde keine Ruhe geben. Er knirschte vor Verzweiflung mit den Zähnen. Gehen war falsch. Reisen war falsch. Bleiben war falsch. Es ging, es blieb nur das Falsche. Es gab keinen Platz für ihn, keine wirklich befreiende Lage, keine angemessene körperliche Haltung, keine leuchtende Lösung im Geist.
Frank hatte Kaffee gemacht. Seine Hände hatten gezittert. Die Tüte mit dem Brot, Schinken und Käse darauf, war zerrissen. Das Brot war zu Boden gefallen, der Belag heraus. Es paßte. Er ärgerte sich nicht wie sonst über die Tücken des Alltäglichen. Es gab eine vollkommene Übereinstimmung mit den Vorgängen. Fast schon wieder beruhigend.

Vor Hildesheim
Der Zug hielt, mußte warten. Bauarbeiten. Eingleisige Streckenführung.
Frank beobachtete sein neues Gegenüber, einen Mann mittleren Alters. Streng zurück gekämmtes Haar, an den Schläfen grau werdend. Brille mit Goldrand. Frisch rasiert. Der Mann hatte einen Stapel Prospekte, Papiere, Rechnungen vor sich auf dem Tisch liegen. Arbeitete sie systematisch durch. Hatte er einen Teil erledigt, machte er ein großes Kreuz mit seinem Kugelschreiber darauf.
Abgehakt. Genauer: durchgekreuzt. Erledigt, zur Strecke gebracht. Ein Beamter auf Dienstfahrt, ging es Frank durch den Kopf. Er betrachtete ihn mit einer Mischung aus Grauen und Faszination.
„Nehmen Sie bitte Ihren Schuh vom Sitz!“ Frank zuckte zusammen. Fast hätte er laut „Jawohl!“ geschrien. Statt dessen schaute er den Mann nur an. Lange. Über Gebühr. Der schaute zurück. Die Lippen fest aufeinandergepreßt. Nicht einmal verkniffen, eher zufrieden.
Der Zug hielt noch immer. Weiter vorne hörte Frank eine Frau sagen: „Heute ist Freitag, der 13.“ – „Ich bin nicht abergläubisch“, antwortete ihr Begleiter. Der Beamte auf dem Platz gegenüber machte ein Kreuz. Wieder spürte Frank den Schmerz. Der Körper ist ein Esel, der die Last trägt. Oder zusammenbricht. Etwas anderes gibt es nicht. Dachte er.

Vor Braunschweig
lichtete sich der schwere feuchte Mantel des Nebels. Die Nebelschwaden wurden luftig wie wehende Gardinen. Er konnte hindurchsehen. Sah schwankende Häuser. Schwankende Bäume. Schwankende Menschen. Frank sah seine Zukunft. Er sah sein Ende.
Carst und er fuhren mit den Motorrädern den Paß hoch. Meist im ersten oder zweiten Gang. Die Kurven waren eng. Gepflastert von Kriegsgefangenen des ersten Weltkriegs, wie man ihnen hinter der Grenze sagte. Das Land hatte sich als eines der ersten aus dem sozialistischen Block gelöst. „Klein, aber fein!“ warb es auf großen Plakatflächen für sich. Frank lachte unter dem Helm. „Klein, aber mein!“ müßte es heißen. Die sanfte Engstirnigkeit der Einfamilienhausbesitzer.

Braunschweig
Verspätung. Frank freute sich, wie gleichgültig es ihm war. Carst würde in Berlin auf ihn warten müssen.
Der Mann gegenüber stieg aus. Er setzte sich auf dessen Platz und genoß die sich schnell verflüchtigende Wärme, die sein Beamtenarsch hinterlassen hatte. Stuhlgang um sieben Uhr dreißig und neunzehn Uhr fünfzehn. Zwei Kreuze auf die Liste neben dem Klo. Erledigt. Entledigt. Entleert. Sechs Stück Klopapier. Mit dem Taschenrechner ausgerechnet, wie lange die Rolle reichen würde. Die Angst vor dem Unbewältigbaren scheinbar bewältigt durch Zahlen. Durch Kreuze.
Frank lachte kurz und leise, spürte den Wermut des Zynismus in seiner Kehle. Der Geschmack verflog. Er wußte, daß ihn dieses Mal auch seine Überheblichkeit nicht retten würde.
Carst und er fuhren hinunter zu dem türkisfarbenen Fluß. Er sah seine grundtiefe Klarheit, seine Schönheit: ein Reif, der sich um die Gelenke der Berge legte.
Für Frank blieb sie äußerlich. Schon die ganze Fahrt war er in Gedanken anderswo. Ihn schüttelte die Angst vor der Ungewißheit der nächsten Monate. Die Aufträge waren drastisch zurückgegangen. Und es war kein Ende abzusehen. Fieberhaft wälzte er Pläne, während ihm die Angst langsam, aber mit stetig wachsendem Druck die Kehle zuschnürte. Er hatte sich für unabhängig gehalten und als solcher verkauft: „Eine Katze hat sieben Leben. Werft mich aus dem siebten Stock, und ich falle auf die Füße!“ Ihm wurde übel, als ihm die Sätze, seine Sätze, einfielen.
Und jetzt machte er mit Carst die lange geplante Tour mit dem Motorrad, während zu Hause die Hütte brannte. Seine Angst loderte verborgen hinter der dunklen Scheibe seines Visiers. Im Schwarz der Lederkombi wirkte er stark und sicher. Er war ein Ritter der Neuzeit, der sich gerade vor Angst in die Rüstung schiß. Er hatte ungeheuer viele Informationen, wußte über sich selbst jedoch so gut wie nichts. Jeder Feind im gewaltigen Heer, das ihm jetzt entgegen ritt, trug sein eigenes Gesicht.
Sie bauten in einem kleinen Camp das Zelt auf. Mechanisch verrichtete Frank all die Handgriffe, wie er es Dutzende Male getan hatte. Schnell stand das Zelt. Carst und er waren ein gut eingespieltes Team. In den Schlafsäcken liegend tranken sie Wein, viel Wein, auch das ein Ritual.
Frank sah die Hand, die den Wein in ein Gefäß schüttete. Er sah das Gefäß, das sich füllte. Er öffnete den Mund, der trank. Er spürte den benebelten Kopf. Aber es gab keine Verbindung zu all dem. Und es gab keine Verbindung zu Carst.

Vor Magdeburg. Niederndodeleben
Die Börde leuchtete schwarz unter einer Sonne, die golden durch den Nebel brach. Er suchte ein besseres Wort. ‚Golden‘ kam ihm kitschig vor. Er konnte keines finden. Unzufrieden fügte er sich in seine Armut.
Am nächsten Tag liehen sie sich die Kajaks. Während Carst die Boote zum Fluß trug, beschrieb die Frau im Verleih Frank den ersten Teil der Strecke als einfach. Dann schaute sie von der Flußkarte auf. „An dieser Biegung sollten Sie aussteigen! Die Schwierigkeitsgrade wachsen danach rapide an. Ab hier erfordert der Fluß großes technisches Können, wird schwerstes Wildwasser.“ Frank nickte, die Frau sprach weiter. Ihre Worte tauchten unter im mahlenden Gedankenstrom hinter seiner Stirn.
Der Fluß war so klar, daß Frank jeden einzelnen Kiesel sehen konnte. Er zählte. Es reichte nicht. Es blieb ein Loch in der Kasse, es blieb ein zähes dunkles Etwas, Ziegenleder, das er mit seinen Rechnereien nicht weich gerben konnte. Carst trank aus dem Fluß aus der offenen Hand. „Seit meiner Kindheit hab ich nicht mehr aus einem Bach getrunken“, rief er lachend. „Ist es nicht ein Wunder?“ Carst begann zu singen.
Frank hörte ihn wie aus der Ferne. Für ihn war der Fluß, war die Landschaft nur die bezaubernde Kulisse für seinen Horrorfilm, der hinter der Leinwand seiner Stirn ablief. Sie gelangten zu der von der Frau beschriebenen Biegung. Carst deutete auf die erste schwierigere Stromschnelle, schaute ihn fragend an. – „Weiter!“, rief Frank nur. Er war mit seinem Denken und Planen und Rechnen noch nicht zu Ende.
Frank glitt als erster durch die Engstelle. Das Kajak beschleunigte, tauchte tief ein. Wasser spritzte in Frank’s Gesicht. Er dachte daran, welche Posten auf der Ausgabenseite er kürzen konnte. Schon kam die zweite Stromschnelle. Verblockt. Für den Bruchteil einer Sekunde schoß ihm durch den Kopf: Es gibt keine Kehrwasser mehr. Es gab nur noch Fahrt. Rauschende, rasante Fahrt. Wasser. Gischt. Schäumen.
Frank zog Bilanz. Schrieb wieder und wieder rote Zahlen, während das Kajak immer schneller dahin schoß. Rote Zahlen, die jetzt vor seinen Augen einen grotesken Tanz begannen, sich an den Händen nahmen und eine torkelnde Polonaise aufführten, um schließlich wild durcheinander zu purzeln. Er schrie in das Tosen hinein.
Zahlenglieder zuckten vor seinen Augen. Jetzt wechselten sie die Farbe, wurden grün. Grüne, weiche, sanfte Zahlen, die ihn einhüllten, in ihn glitten, seine Augen füllten, seine Ohren, in seine Nase schwappten, schließlich in seinen Mund, der sich ihnen weit öffnete, der sie trank mit der Gier eines Verdurstenden, der die Oase erreicht. Er konnte nicht genug davon bekom-men, riß seinen Mund auf bis zur äußersten Grenze.
Er wollte nur dieses Grün. Grün war Leben, war Hoffnung. Er füllte seinen Schlund, seinen Magen, seine Lungen. Er füllte schließlich die kleine dunkle Höhle hinter seiner Stirn, ließ es eindringen in das gequälte Labyrinth da-hinter. Er spürte, wie das Denken verebbte. Wie die Angst nachließ. Er entspannte sich ganz und gar. Er war völlig erfüllt von diesem Grün. Sein Körper seufzte. Er konnte es hören. Alle seine Organe, die Knochen seufzten. Die Nägel, die Haare, seine Haut stimmten ein in dieses tiefe, süße Seufzen.
Dann hörte er das überwältigende Schluchzen seines Gehirns. Es war das letzte, was Frank hörte. Es war Musik.

Vor Berlin-Wannsee
Überrascht schauten ihn die grauen Fassaden an. Ein aus roten Ziegeln gemauerter Zuckerbäckerturm verneigte sich vor ihm. Ein älterer Mann ging zum wiederholten Male an ihm vorbei und betrachtete ihn, setzte sich dann wieder neben seine Begleiterin. Vor dem Fenster ein Kanal. Schwarz. Unbekannt wie die Reflexionen des Mondes.
Frank wunderte sich, wie einfach alles gewesen war.
Er war tot und konnte atmen.

(c) Claus Schoendorf