Margit Peip

Pjörnrachzarck oder die Kraft von Träumen

Ich befand mich in einem Wald. Die Kronen der Bäume bewegten sich sachte. Es war dunkel. Ich fror. Im Magen war mir flau. Ich durfte nicht stehen bleiben. Meinen Kopf vorsichtig nach allen Seiten wendend, ging ich Schritt für Schritt, die Nähe von Bäumen suchend. Die Furcht umhüllte meinen Körper wie eine zu enge Haut. Jeder Meter tiefer in den Wald ließ mich schrumpfen. Mein Kopf und meine Schultern waren gebeugt. Ich kam an den Rand einer kleinen Lichtung. Die Nacht war schwarz. Ich hörte ein Geräusch von brechenden Ästen.
„Was ist das, was bewegt sich so schnell?“ dachte ich. Mein Herz raste, meine Hände waren binnen Sekunden schweißnass. Dann sah ich ihn in die Lichtung rollen. Er war ganz grau und schnaufte entsetzlich laut. Nach dem ich ihn erkannt hatte, schwand meine Angst. Vor ihm brauchte ich mich nicht fürchten. Vorsichtshalber blieb ich aber in Deckung. Vielleicht würde er etwas Unüberlegtes tun und mir schaden, wenn er meine Anwesenheit bemerkte. Er kannte mich ja nicht. Nun stand er in der Mitte der Lichtung. In voller Pracht, wie ihn sein Meister geschaffen hatte. Aber was suchte er hier im Wald? Er sah nicht ängstlich aus, eher besorgt und getrieben. Mittlerweile fast frei von Angst konnte ich ihn ausgiebig betrachten. Die Wolken gaben das schwache Licht der Mondsichel frei.
Er war nicht schön. Prächtig, beeindruckend, ja, aber nicht schön. Grau saß er in der Mitte der Lichtung auf seinem Gefährt. Das Getriebene schwand allmählich aus seiner Körperhaltung. Das Besorgte in seiner Mimik blieb. Sein Atem beruhigte sich. Er schien völlig in sich versunken. Fast hätte ich gelacht. Es wirkte zu komisch auf mich. Ein großer grauer Koloss auf einem Zweirad, nachdenklich. Das Lachen blieb mir im Halse stecken. Denn mir wurde klar, warum er geflohen war. Er, den viele, viele Kinder in noch viel mehr Träumen geschaffen hatten, er wusste sich nur noch durch eine Flucht in meinen Traumwald zu helfen.
Er war vor diesem Nichts geflohen, suchte Hilfe bei den Kindern von einst. Sie, die ihn zu dem gemacht hatten, was er war, waren inzwischen erwachsen geworden. Die nachfolgende Generation wusste nichts mehr von ihm. Die heutigen Kinder hatten aufgehört zu träumen. Sie hatten vergessen, wie es sich anfühlt, einen Körper im inneren Auge entstehen zu lassen und auszugestalten. Was es bedeutet, das Handwerkszeug des Bildhauers zu nehmen und eigene Traumgestalten zu erschaffen.
Ich suchte als erstes nach einem Felsen. Nicht zu hart, das würde die Arbeit unnötig erschweren. Ich fand einen grau-weißen Granitstein mit schwarzen Tupfen. Der gefiel mir. Dann stellte ich mein Werkzeug zusammen: drei Hämmer: groß, klein, aus Holz; Keile und Feilen in unterschiedlicher Breite und Länge; Schwämme, Wasser und eine Leiter.
Zunächst haute ich den Stein grob in Form. Danach widmete ich mich dem Gefährt. Die Räder formte ich wie Mühlsteine. Die Laufflächen musste ich sehr glatt behauen, damit sie über jede Oberfläche rollen konnten. Das Kettenrad und die Kette fertigte ich kräftig und filigran zugleich. Das Lenkrad und den Sattel gestaltete ich für ihn bequem und stabil.
Ihn zu modellieren, kostete mich viel Schweiß. Nicht nur das Gesicht, auch die Haare und die Hände arbeitete ich sorgfältig heraus. Die wulstigen Brauen durften seinen Blick nicht verdecken. In die Augen arbeitete ich Angst und Sorge, aber auch den unerschütterlichen Glauben an das Gute ein. Jede Form und jede Falte am Körper bedurfte sorgfältiger Überlegung.
Im Morgengrauen, als er fertig vor mir saß, war ich zwar erschöpft aber auch stolz auf meine Arbeit. Indem ich ihn noch einmal gestaltet hatte, gab ich ihm die Kraft, die er brauchte, um seine Kaiserin zu finden.
Fröhliches Gelächter holte mich zur Lichtung zurück. Da stand Pjörnrachzarck umgeben von Blubb, dem Irrlicht, Ückück, dem Winzling und Wuschwusul, dem Nachtalb auf der Lichtung. Ich glaube, er zwinkerte mir zu als er sich mit seinen Botenfreunden auf den Weg zur Kindlichen Kaiserin machte.

(c) Margit Peip