Ursula Engel

’’WIE VOR HUNDERT JAHREN’’

Mit einem Ruck fuhr Lisa aus dem Schlaf hoch. Sie lauschte in die Stille, und obwohl sie nicht hätte sagen können, was sie geweckt hatte, brach ihr plötzlich der Schweiß aus.
’’Lisa?’’ Die Stimme ließ sie herumfahren.
Im Dämmerlicht, das durch die halb heruntergelassenen Jalousien fiel, erkannte Lisa einen Mann in der Ecke ihres Schlafzimmers.
’’Johannes!’’, entfuhr es ihr. ’’Was machst du hier’’?

Anfang von Kathrin Lange (Autorin; Herausgeberin der Federwelt von 2002-2004)

Wir sind doch erst morgen verabredet, ’’Auf der Weide’’, du Schaaf’’-. Lisa griff nach ihrer Brille auf dem Nachtisch und schaltete die 20-Watt-Bettlampe an. Erst jetzt konnte sie ihn von Kopf bis Fuß betrachten.
’’Warum trägst du diesen schwarzen Anzug?’’, fragte Lisa. ’’Heute will ich etwas erleben’’, sagte er und fuchtelte mit seinem Sparzierstock vor ihrem Gesicht herum. Sie erschrak und rutschte zur anderen Bettseite.

Dort stand eine Frau am Fußende mit einem Cocktailkleid. Ihre Schultern waren mit einer Stola bedeckt und auf dem Kopf wippte ein Sommerhut unter dem dunkelbraune Haare hervorquollen. Die Hände trugen 3/4lange Handschuhe und eine Tasche hing in der rechten Armbeuge. Sie lächelte ihr huldvoll zu und stellte sich als ’’Marlies’’ vor. ’’Ich wohne im ’’Ars Vivendi’’ in der Seniorenresidenz in der Innenstadt’’.

Während Lisa überlegte, was sie antworten sollte, bohrte ihr jemand einen Finger in den rechten Oberarm. ‚’Ich bin O-o-o-o-otto und kom-m-me von St.st,st Jakob’’, stotterte er.

Schnell rutschte Lisa wieder zur Bettmitte. Jetzt spürte sie wieder, warum ihr der Schweiß ausgebrochen war. Mit so vielen Menschen auf engem Raum, konnte sie es noch nie aushalten. Der unangenehme Geruch von verbrauchter Luft stieg ihr in die Nase. Unwirsch fragte sie:’’Wie viele seit ihr?’’. ‚’Wir sind nur zu Dritt’’ antworteten sie gleichzeitig, fast gleichzeitig, Otto war das Echo. Sie spürte Erleichterung, wies aber Otto an, sofort das Fenster zu öffnen und die Jalousien hoch zu ziehen. Er legte seine Kappe, die er ständig zwischen seinen Fingern trete, auf ihr Bett, war mit zwei Schritten am Fenster, öffnete es, zwar mit zittrigen Fingern, aber flink. Zügig zog er die Jalousien hoch. Wegen seiner dürren Gestalt hätte sie ihm diese Kraft nicht zugetraut. Erst jetzt sah sie, dass er in eine für ihn viel zu weiten Anglerhose steckte und dazu trug er Gummistiefel, mindestens Größe 48, schätzte Lisa. Er sah ihren erstaunten Blick, bezog es auf seine körperliche Kraft, und sagte verlegen, ’’Ich bin Angler gewesen und habe immer die Hechte aus der Lahn gezogen’’.

Lisa schaute von einem zum anderen und begriff nichts mehr. Ob ich träume, fragte sie sich? Gesternabend war es spät geworden, weil sie mit einer Freundin ihre Examensarbeit durchgesprochen hatte. Deshalb benötigte sie dringend, mindestens sechs Stunden Schlaf und wenn sie den nicht bekam, konnte sie ungemütlich werden. Die Drei sahen mit verständnisvollen Blicken auf sie herab, wie auf ein Kleinkind mit dem sie Geduld haben sollten. Lisa schaute auf die Uhr. Als sie die Anzeige auf dem Zifferblatt sah wuchs ihre Ungeduld. Sie wickelte sich fester in ihre Bettdecke, da jetzt ein frisches Lüftchen durch das Zimmer zog.

’’Was wollt ihr von mir?’’ Sie trommelte ungeduldig mit ihren Fingern auf die Bettdecke. Lisa sollte sich erst mal beruhigen, dann würden die Drei ihr alles erklären.
’’Ich rege mich nicht auf’’ behauptet sie, verschränkte die Arme und sagte: ’’Nun, ich höre’’:

Johannes holte tief Luft, aber bevor er ausatmen konnte, unterbrach ihn Marlies und meinte „Ladies First“. Er verrollte die Augen, stütze sich auf seinen Sparzierstock und stierte Löcher in die Luft.

’’Ich bin nun achtzig Jahre’’ begann Marlies zu erzählen, und lebe inzwischen schon einige Jahre in dieser Residenz. Tagsüber habe ich Unterhaltung, obwohl mir das ständige Gerede über Krankheiten auf die Nerven geht. Ich bin Topfit, kann nachts aber nicht schlafen und möchte jetzt wieder mal tanzen gehen wie damals:
’’Ja, ja wie damals, wie vor 100 Jahren’’ sagten Johannes und Otto wie aus einem Munde“.

Marlies ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.’’Es gibt doch diese Tanztreffs für Single’s. Und sie Johannes kommen mit’’, bestimmte sie.
’’Nein, nein, tanzen ist nichts für mich, ich will endlich mal, wieder ins Spielkasino’’.

’’Du ins Spielkasino’’ fragte Lisa entsetzt. ’’Hast du mir nicht erzählt, ein Pater gewesen zu sein’’. ’’Nun ja, das ist schon richtig’’ sagte er, peinlich berührt. Er konnte sich nicht erinnern, ihr dass erzählt zu haben. ’’Aber Pater und Glückspie’’, bohrte Lisa weiter. ’’Am Tag danach habe ich es ja immer gebeichtet’’, antwortete er trotzig und stampfte mit seinem Sparzierstock Löcher in den Boden.

’’Wenn es nicht gerade die Kollekte war, wollen wir ihm verzeihen und mit einer gönnerhaften Handbewegung warf Marlies ein Stolaende über ihre Schulter’’.
Johannes wollte antworten, aber Marlies sprach weiter.’’Ich möchte auch mal eine Spielbank von innen sehen und das Flair des Geldes spüren und einige Euros setzen. Ich liebe ich das Risiko und wer weiß, vielleicht gewinne ich sogar. Wir könnten erst tanzen und dann ins Spielkasino gehen’’, schlug sie vor.

Inzwischen versuchte Otto immer noch verzweifelt zu Worte zu kommen, indem er immer wieder seinen Arm hob, wie einst in der Schule. Dabei entglitt ihm die Angel und der sich selbständig machende Blinker verhakte sich in Marlies Cocktailkleid. Ausgerechnet am Saumende in der kostbaren Spitze. Marlies erschrak und schrie auf.
Otto stand wir erstarrt an seinem Platz.
Marlies schrie ihn an, „er sollte endlich in die Gänge kommen und sie von diesem Blinker befreien, bevor ihr Kleid völlig ruiniert sei. Ich muss das Kunststopfen lassen“, sagte sie „und dass ist ganz schön teuer“.
Otto löste sich endlich aus seiner Erstarrung und versuchte das Cocktailkleid von dem Blinker zu befreien, wobei sich das schwierig gestaltete, weil Marlies so herum zappelte. Es ging ihr nicht schnell genug. Otto stand der Schweiß auf der Stirn. Endlich hatte er es geschafft und bot Marlies an, die Flickkosten zu übernehmen. Ob sie denn mit einigen köstlichen Hechte einverstanden wäre.
Marlies riss den Mund auf, es knackte mal wieder das Gebiss und dieses Mal dauerte es einige Sekunden bis sie wieder sprechen konnte.

Lisa nutzte die günstige Gelegenheit und fragte Otto nach seinem Wünschen.

’’Ich würde gerne mal wieder bei Vollmond angeln gehen’’, kam es stotternd über seine Lippen, während er seine Kappe nahm und wieder zwischen seinen Fingern drehte.
’’Dann geh doch’’ schnauzte Johannes ihn an.
Lisa zog die rechte Augenbraue nach oben und schaute mit rügendem Blick in Richtung Johannes. Diesen Blick kannte er und es war besser, den Mund zu halten.

Lisa ermunterte Otto, zu erzählen.
Verschüchtert schaute er unter sich und begann stotternd:

’’Früher, vor 100 Jahren, war ich im Anglerverein ’’Tolle Hechte’’.

’’Ja, ja, wir wissen, wie damals, wie vor 100 Jahren’’, grinsten sich Marlies und Johannes an’’.

’’Ja, mit Freunden bin ich oft am Wochenende zum fischen gegangen. Im Frühling und Sommer haben wir uns früh morgens an der Lahn getroffen, um zu angeln. Trotz meiner Freunde fühlte ich mich allein mit der aufgehenden Sonne, dem Wasser und den Fischen’’. Seine Worte kamen jetzt flüssiger über seine Lippen.
’’Ich liebte es, weil ich die arbeitsreiche Woche und immer das Gezänke mit den Kindern und meiner Frau vergessen konnte. Elli, meine Frau war mit meiner Angelei nicht einverstanden, weil ein Tag vom Wochenende fehlte und sie lieber, gemeinsam mit mir und den Kindern, etwas unternommen hätte. Manchmal bin ich ohne Fisch nach Hause gekommen, aber dann war der Ärger groß’’.

Otto wurde lauter und die Worte sprudelten jetzt nur so aus ihm heraus. ’’Ja, meine Elli war stark, körperlich, stimmlich und sie bewältigte alle Schwierigkeiten. Sie nähte und flickte Kleidung für unsere drei Mädchen und den Jungen, kümmerte sich um die Schulaufgaben und brachte immer etwas zu essen auf den Tisch und alle wurden satt. Plötzlich machte er eine Pause und sprach leise weiter. „ Als wir noch jung und verliebt waren, da habe ich meine Elli einmal mitgenommen zum angeln, bei Vollmond, wo ich ihr einen Heiratsantrag machte und deshalb möchte ich noch mal angeln bei Vollmond, um meine Elli, ’’Gott hab sie selig’’ um Verzeihung zu bitten, dass ich sie so oft alleine gelassen hatte’’.

Johannes unterbrach die plötzliche Stille im Raum. ’’Otto, geh beichten. Es hört dir einer zu und es wird dir verziehen’’.

’’Typisch Mann“ kicherte Marlies. ’’ Pater und kein bisschen romantisch. Sie sollten Ihre Frau um Verzeihung bitten Otto, und wir kommen alle mit’’.

’’Nicht so theatralisch bitte’’, meinte Johannes.

’’Bei mir und meinem Mann hat es auch sehr romantisch angefangen:

’’Ja, ja, wir wissen, wie vor 100 Jahren’’, sagte Johannes und Otto stotterte hinterher’’.

Ja, sagte Marlies: ’’In jungen Jahren war ich sportlich sehr aktiv und in den Tanzpalästen zu finden. Ich liebte damals, wie heute, die Schlager von Glenn Miller. Noch heute habe ich Langspielplatten von ihm. Bei seinem berühmten ’’In the Mood’’, verliebte ich mich in meinen Hans. Und mein erstes Kind nannte ich
’’„Mei Inthemoodsche’’ (Frankfurter Dialekt)

Marlies strahlte und sie sah viel jünger aus. Ihr Blick verlor sich im Raum.

Morgen früh um 7 Uhr ist die Welt noch in Ordnung, ertönte es aus dem Radio.

(c) Ursula Engel