Monika Koos

Pygmalion und Venus

„Große Göttin, Venus, ich bin ratlos!“ Pygmalion stand vor der Statue der Venus und klagte.

„Ich liebe diese Frau über alles. Sie ist sehr schön und so zurechtgemacht, wie ich es will, in Gala. Es dauerte eine Weile, bis ich sie so weit hatte, dass sie meinen Vorstellungen entsprach. Es gab viel zu meißeln und zu schmirgeln, aber jetzt ist sie vollkommen: Mein Wunschtraum in Marmor, mein Werk! Und doch ist sie nichts als eine leblose Statue…“

„Venus, ich bete zu dir, erwecke mich zum Leben!“ Venus hörte die steinerne Stimme und hatte Mitleid. Sie rührte sie an und Galatea öffnete die Augen.

Sie blickte auf ihre Füße, die in hochhackigen, spitzen Schuhen steckten, streifte diese ab und stieg vom Sockel, auf den Pygmalion sie gestellt hatte. Sie ging zum Kleiderschrank und nahm einen selbstgestrickten Pullover heraus, zog ihn über ein langes Unterhemd, das die Nieren warmhalten sollte, und schlüpfte in eine kuschelige, bequeme Hose, denn es war Winter. Sie zog die Nadeln aus ihrem kunstvoll aufgesteckten Haar und schüttelte sie zu einer Mähne. Die langen rotlackierten Nägel schnitt sie ab.

Dann machte sie sich daran, Äpfel für einen Kuchen zu schälen.

Als Pygmalion abends nach Hause kam, roch es im Haus nach Zimt und Butter. Galatea kam ihm in alten Puschen entgegen. Ihr Gesicht war verschwitzt und rot von der Hitze des Backens, aber ihre Augen leuchteten.

Wenn er sich jetzt über mein Aussehen beschwert, dachte sie, werde ich ihm mal richtig die Meinung geigen!

Er aber ließ sich den Kuchen schmecken und wunderte sich über die Göttin Venus.

© Monika Koos