Ursula Engel

Der Teekannentraum

Die Nacht verabschiedet sich. Und der Tag kommt. Allmählich wird es hell. Ich stehe im oberen Regal und sehe, wenn ich durch das große Fenster schaue, tanzende Schneeflocken. Die Schneedecke wird dicker und dicker. Es ist kalt, es ist immer kalt in diesem Laden. In den Regalen gegenüber ruhen 300 köstliche Teesorten in Dosen, die darauf warten ihre Düfte zu entfalten.

Die Tür wird aufgeschlossen, der Frost kommt herein und mit ihm die Ladenbesitzerin. Hektisch wuselt sie herum. Sie hat noch keinen Tee gekocht und gleich werden Kunden kommen, um die angekündigten drei neuen Teesorten zu kosten. Hier werden sie verwöhnt von klassischer Musik und dem Duft nach
Orangen, Zitronen, Vanille und Caramel. Und über allem steht der krönende Duft von O’Conners Cream.
Die Gehetzten kommen, gönnen sich eine Pause bei einer Tasse Tee und einem gemütlichen Schwatz, verlassen nach ihrem Einkauf mit einem Lächeln auf dem Gesicht den Laden.

Also, wenn Sie mich fragen: Ich bevorzuge die Darjeeling’s mit ihren Geheimnissen. Sie sollten wissen, ich bin eine Designer-Teekanne. Mein Körper ist aus silbergrauen Metall, ergänzt durch Glas.
Ich träume, dass Sonnenstrahlen durch das Fenster in die Küche fallen und die schwimmenden Teeblätter in meinem Bauch in allen Facetten von Gelb, Grün und Rot erstrahlen.

Ich möchte jetzt endlich ein ruhiges zu Hause. Ab heute bin ich bereit. Ich darf gekauft werden. Bisher habe ich mich gesträubt.
Bewundert haben mich schon viele, aber nach einem entsetzen Blick auf das Preisschild, griffen sie in das Regal unter mir.

Ich gestehe, ich bin sehr wählerisch. Familie – nein danke!
In deren Chaos fegt mich am Ende noch einer vom Tisch...
Oder, wenn ich mir vorstelle, stundenlang in so einem alten
Holzküchenschrank zwischen anderen Kannen eingezwängt zu sein... Vielleicht auch noch ungesehen, weil Gardinchen vor den Scheiben hängen. Nein, nein, nein..

Ich gehöre in einen futuristisch eingerichteten Single-Haushalt, mit viel Platz in einem Glasschrank oder dampfend, mit gefülltem Bauch auf einen edlen Glastisch, mit Ausblick über die City.
Einverstanden wäre ich auch mit einer eleganten Wohnung, in der sich die Lady des Hauses auf einer Récamiere räkelt und die englische Kurzhaar eingerollt zu ihren Füßen liegt.
Drum herum gefüllte Bücherregale und ein Tisch auf dem ich throne, während der wärmende Göttertrank in mir bereit ist, seine entspannende Wirkung auf die in eine Kaschmirdecke eingehüllte Madam zu übertragen.

Plötzlich starren mich zwei Augenpaare an.
„Ja so eine, die da oben, das Designer-Modell, so eine suche ich.“
Unter mir steht ein Mann, 1,80 Meter lang, schlaksig, im dunkelbraunen Einreiher mit passendem Mantel und Schal, Typ Banker.
Mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht holt mich die Besitzerin aus dem Regal. Wahrscheinlich ist sie froh, mich endlich verkauft zu haben. Wie gewünscht, verpackt sie mich in Geschenkpapier.

Ich finde mich wieder auf einem Geschenketisch und was sehe ich?
Zwei Kannen meiner Art! Glotzen mich an! Unverschämtheit!
die kommen bestimmt aus China, das Glas ist sicher nicht echt...

Ich - bin - einmalig

(c) Ursula Engel