Christiane Schwarze

Die Linie

Sie betrachtete die schlafenden Babys. Sams Faust umklammerte eine Rassel, Vanessa nuckelte an ihrem Schmetterlingsschnuller und in Jessicas Arm ruhte der kleine Teddybär.
Neben den Bettchen lag jeweils die Geburtsurkunde.
„Schlaft gut, ihr süßen Kindlein, dies ist eure letzte Nacht bei Mama. Morgen müsst ihr auf eine weite Reise gehen.“
Sie wischte sich eine Träne von der Wange und schlich nur auf Socken aus dem abgedunkelten Zimmer. Die Tür ließ sie einen kleinen Spalt weit offen, lauschte noch einmal kurz und seufzte dann tief.

Viele Frauen wollten Babys von ihr bekommen, manche boten gar den doppelten Preis. Aber sie vertraute nur den Müttern der toten Kinder. Das verstand niemand, nicht einmal ihr Mann. Aber sie beharrte darauf, und er hatte inzwischen eingesehen, dass in diesem Punkt nicht mit ihr zu reden war.

Die Warteliste war lang, aber sie ließ sich die Zeit, die sie brauchte. Heute Abend würde sie einem Mädchen das Leben schenken. Bevor sie Babys weggab, musste immer erst ein neues das Licht der Welt erblicken. Das Kinderzimmer durfte nie leer bleiben.

Sie legte Musik auf und steckte eine Kerze an. Diese Lieder hatte sie gehört, als Rebekka noch bei ihr war.
Behutsam öffnete sie die Nasenlöcher und die Mundöffnung des Ungeborenen und legte es auf ihren Bauch.
„Atme mein Liebling und lebe“, flüsterte sie und drückte das Köpfchen an ihre Brust. Die Haare der Kleinen waren blond, ebenso die Wimpern. Sie legte ihr ein Band um das Handgelenk. Der Name des Kindes war in aneinandergereihte Kunststoffperlen eingestanzt. BRITTA.

Am nächsten Tag traten Sam, Jessica und Vanessa die Reise an. Es war ihr unwichtig, dass Vanessas neue Mutter nur einen Bruchteil des Betrages aufbringen konnte, den das Kind wert war. Sie begriff, dassdie Fremde ohne Vanessa vor Kummer sterben würde.

Das Gerät, welches den Herzschlag des Ungeborenen überwachte, hatte unregelmäßige Kurven angezeigt.
Vor ihren Augen verlief sich die Kraft des Meeres im Sand. Die grünen Wellen verflachten zu einer langgezogenen Linie.
Der Arzt erklärte: „Sie sind doch noch jung, beim nächsten Mal kann alles gut gehen.“
In den Nebel des Beruhigungsmittels wehten geflüsterte Worte: „Nein, da werden sie noch nicht bestattet.“

Ihr Mann redete anfangs auch von einem nächsten Mal. Sie blickte dann ohne zu antworten aus dem Fenster. Der Spielplatz lag genau gegenüber. Die Nachbarskinder stritten sich um die Schaukel.
„Lass uns wegfahren, damit du auf andere Gedanken kommst“, schlug er vor.

Bisher hatte sie das vehement abgelehnt. Mit so kleinen Kindern fuhr man nicht in der Weltgeschichte herum. Oder sollte sie die Babys gar alleine lassen?
„Es ist tot“, schrie ihr Mann.

Wenn sie mit dem Wagen ihre Kleinen spazierenfuhr, wählte sie immer den Weg an der Klinik vorbei. Manchmal sah sie den Arzt die Schnellstraße nach Dienstende zu Fuß überqueren.

Ihr Mann hatte recht. Rebekka war tot.
Der Arzt aber lebte.
Eilte mit einer Aktentasche über die Straße, sah nur flüchtig nach rechts und links.

„Wer nicht geboren wurde, braucht auch nicht beerdigt werden“, hatte ihr Mann einmal gesagt. Er nannte seine Tochter nie bei ihrem Namen.

Sie war vom Blutverlust zu schwach gewesen, um die Augen aufzuhalten. Erst befanden sich nur die Hebamme und der Arzt im Raum. Später hörte sie Stimmen, die sie nicht kannte, und schnelle harte Schritte.

Wer mochte Rebekka in den Klinikmüll geworfen haben? Sie betrachtete die Hände des Arztes. Und fragte.
„Müll muß ordnungsgemäß getrennt werden. Welche Farbe hat der Container für tote Kinder?“
Seine Stirn zog sich zusammen, und die Lippen preßten sich fest aufeinander.
Er gab ihr eine Spritze.

Wo war der Platz für Rebekkas Blumen? Warum taten alle so, als bräuchte sie keinen Ort für den Abschied?

„Morgen fahren wir ans Meer.“
„Und deine Kinder?“
„Ich habe alle Puppen verkauft.“
Ihr Mann streckte ihr die Arme entgegen.
„Es wird alles gut werden, wir sind doch noch jung. Alles ist möglich.“
Im Hintergrund berichtete der Nachrichtensprecher, dass ein Arzt der städtischen Frauenklinik tot in einem Müllcontainer des Krankenhauses gefunden worden sei.
„Ja“, nickte sie ihrem Mann zu. „Alles ist möglich.“


(c) Christiane Schwarze