Christiane Schwarze

Innenblau

Heute ist mein Innen hellblau. Nicht dieses wolkenlose, südliche, sondern umschleiert wie von Morgendunst. Meine Erwartungen hatten schon immer diesen leichten Nebel um sich herum, der die Umrisse nach und nach von der Realität in den Traum verschiebt.
Bisher ist das noch niemandem aufgefallen, denn ich rede die Konturen scharf und gestochen, wie eine Bauzeichnung. Die Farbe Hellblau ist mein Geheimnis. Ab und zu, wenn ich allein auf dem Balkon sitze, zwinkere ich dem Sommerhimmel zu. Als Zeichen des Verstehens ballt er manchmal ein paar weiße Wölkchen über mir zusammen und löst sie schließlich wieder auf.

Rot hat sich auf Blau ausgebreitet. Es überflutet alle Innenwege, durchschlängelt jeden Winkel meines Körpers, kein noch so abwegiger Gedanke, kein Lidschlag existiert ohne Rot. Wer könnte durch dieses Energiekonzentrat hindurch mein Hellblau wahrnehmen? Oft nicht einmal ich selbst. Violett fühle ich mich dann. Wenn die Farben sich in mir überlagern, spiegeln sie sich in den Fensterscheiben, gaukeln mir je nach Lichteinfall immer neue Schattierungen vor.

Purpur ist der Schlund, der mich in eine Spirale zieht, hinab zu dem vollständig lichtlosen Schwarz. Diese Farbe, die eigentlich keine ist, begleitet mich durch mein Leben, unerwünscht und unabänderlich. Wenn ich vor etwas davonrenne, dann vor dem Taumel durch diesen schwerelosen Raum, der mich aus meiner Erdverankerung reißt, mich zur Fremden werden lässt, neben dem nahe stehendsten Menschen.
Zitternd hocke ich in solchen Momenten in der Schwärze und kann nichts anderes tun, als einen Tag nach dem anderen vergehen zu lassen. Der Wind türmt schwere Wolken über mir auf, es regnet ununterbrochen. Das Schwarz verdünnt sich endlich, der erste graue Streifen.

Grau ist eine Möglichkeit, es könnte sich ein kleines Hellblau dahinter verstecken.


(c)Christiane Schwarze