Christiane Schwarze

Nacht

Das schwindende Abendrot, wenn der Horizont dunkelblau wurde und sich endlich selbst im Schwarz verlor, ließ Elfriede Zuversicht fühlen. Bald brach die Zeit aller Möglichkeiten an; frei konnte sie das Haus verlassen, die Stadt durchqueren und ihre Freundinnen besuchen.
Die beiden warteten bereits. Deren Ungeduld freute sie, war es doch der Beweis, dass sie ihnen wichtig war.
Rosi hatte Waffelteig angerührt, mit Apfelschnitzen darin. Erika kochte Kaffee, aber nicht in der Maschine; sie brühte ihn auf und wärmte Milch in einem Extratöpfchen. Elfriedes Tasse wurde zu einem Drittel mit Kaffee und zu zwei Dritteln mit Milch aufgefüllt, genau so, wie sie ihn am liebsten trank.
Da das Waffeleisen nicht teflonbeschichtet war, musste Rosi gut aufpassen, dass der Teig nicht hängen blieb oder schwarz wurde.

Wenn Elfriedes Tochter leise die Tür öffnete, um nach ihrer Mutter zu sehen, blieb diese still und mit geschlossenen Augen im Bett liegen. Sie wusste, dass ihr sonst ein Beruhigungsmittel verabreicht werden würde, weil sie schlafen sollte.
Da sie die Stunden der Nacht nicht hergeben wollte, behauptete sie jeden Morgen, sie habe durchgeschlafen.

Rosi und Erika hatten vorgeschlagen, gemeinsam Schlitten zu fahren. – Meine Güte, was für eine Idee! Aber die beiden ließen sich ja nie von etwas abschrecken. So waren sie schon damals gewesen. – Heute Nacht wollten sie gemeinsam zum langen Hang hinter dem Wald wandern und abwechselnd ihr Gefährt ziehen. Oben angekommen würden sie sich zu dritt auf den Schlitten zwängen und dann schnell wie der Wind hinabsausen.
Sie war nicht bange herunterzufallen, obwohl der Arzt regelmäßig zur Vorsicht mahnte: „Ein Oberschenkelhalsbruch in Ihrem Alter ist keine Lappalie.“
Einmal hatte sie ihrer Tochter von den Treffen berichtet. Bald darauf hörte Elfriede sie auf dem Flur mit dem Arzt sprechen. „Meine Mutter ist heute verwirrt, vielleicht spritzen Sie ihr etwas zur Beruhigung.“
Den Fehler, anderen Menschen von ihren wunderbaren nächtlichen Erlebnissen zu erzählen, beging sie daraufhin nie wieder. Sie gewöhnte sich stattdessen an zu fragen, ob es draußen kalt oder warm sei, was es zum Mittagessen gäbe oder welche Nachrichten in der Zeitung stünden: alles Dinge, die sie kaum interessierten.
„Der Mutter geht es Gott sei Dank wieder gut“, hörte sie die Tochter dem Arzt zuraunen.

Anlässlich ihres neunzigsten Geburtstages kam sogar der Bürgermeister zum Gratulieren. Sie wusste, was von ihr erwartet wurde, also lobte sie die Torten, die Blumengestecke und den Kaffee.
Den ganzen Tag aber freute sich Elfriede auf ihre richtige Geburtstagsfeier. Rosis Torte käme nicht vom Konditor, sondern wäre selbst gebacken. Erika würde den Milchkaffee genau so machen, wie sie ihn am liebsten trank, und die Blumen hätten ihre beiden Freundinnen gemeinsam für sie gepflückt. Natürlich nähme sie eine Flasche Marillenlikör mit, und dann spielten sie zu dritt Karten, bis ihnen die Augen zufielen.

Sie lächelte den vergilbten Schwarzweißphotographien zu.
Ihre Tochter war dagegen gewesen, als sie diese Bilder aufgestellt hatte.
„Sie sind alle tot, Mutter.“

Das schwindende Abendrot, wenn der Horizont dunkelblau wurde und sich endlich sich selbst im Schwarz verlor, ließ Elfriede Zuversicht fühlen.


(c) Christiane Schwarze