Christiane Schwarze

Blumen pflücken

Bei klarem Wetter zeichneten sich Umrisse der Vogesen in den Horizont. Acht niedrige Häuser lehnten sich an den rötlichen Fels. Staub bedeckte die ungepflasterten Gassen. Bauern zogen mit breithufigen Kaltblutpferden Holz aus dem Wald. Automobilisten waren bisher nur selten durch den Ort gefahren.

In diesem Sommer allerdings kamen schon zweimal Militärlaster mit Soldaten. Diese durchkämmten den Wald und suchten nach geflohenen Gefangenen. Inzwischen hingen in jedem Haus neben dem Kruzifix Fotographien der Männer, die gegen den Erbfeind kämpften und ein Bild des Führers.

Zum ersten Mal erlaubte Elisabeths Großmutter, sie beim Himbeeren pflücken zu begleiten. Freudig trug das Mädchen den leeren Korb. Karl versuchte wie immer Elisabeth zu folgen. Er lachte über das ganze Gesicht und sang: „Beeren pflücken, Beeren pflücken, Beeren pflücken.“ Ein Speichelfaden rann aus seinem Mund. Großmutter drehte sich um und wischte ihm das Gesicht mit der Schürze ab. Ihre Hand verweilte einen Augenblick auf seiner bartstoppeligen Wange.
„Bleib hier und pflück Blumen.“

Die Himbeeren wuchsen spärlich in diesem Jahr und Elisabeth war stolz, dass sie auch abseits der Pfade klettern und Sträucher abernten konnte, die Großmutter nicht mehr zu erreichen vermochte. Sie kroch den Sandsteinfelsen immer noch ein wenig höher, schließlich erreichte sie dessen Scheitelpunkt. Unweit von hier schlängelte sich die Straße. Ein dunkler Autobus fuhr langsam den Berg herunter. Sie erkannte sofort, wer hinter dem Fahrer saß.
„Karl, wohin fährst du?“ schrie sie dem Gefährt hinterher.
Sie rannte zurück.

War diese alte Frau auf dem Pfad wirklich ihre Großmutter?
„Ich habe Karl in einem Bus gesehen!“
„Nichts hast du gesehen.“

Mutter stand gebeugt im Garten und hackte Unkraut.
Elisabeth zeigte auf die breite Reifenspur in der sandigen Erde vor dem Haus.
Großmutter flüsterte: „Sei still. Du hast nichts gesehen. Niemand hat etwas gesehen.“

Die Nachbarn drehten sich weg.

(c) Christiane Schwarze