Felicitas Nispel

Wie der Eiffelturm zu seinem Knoten kam

I. Nächtliche Geschäfte

Heute ist es ein Jahr her, daß ich abends auf der Akropolis stand und, mit einem Gefühl tiefer Erfüllung, eine Eule entflattern ließ, die ich nach Athen getragen hatte. Der Entscheid zu dieser Tat war eines Nachts in mir gereift, als ich nicht schlafen konnte. In solchen dunklen Stunden fasse ich Entschlüsse, die ich ... unmittelbar in die Tat umsetze.
Als erstes brauchte ich eine Eule. Deshalb machte ich mich sofort auf zu meinem Vogelhändler. Er hieß Walter von der Vogelweide und begrüßte mich beim Eintreten mit seinem Minnegesang. Ich stimmte ein, meinen Wunsch vergessend. Erst als der Text zu der Stelle „Ich zuog mir ein Eule ...“ kam, dachte ich wieder an meinen Entschluss. Ich erstand also eine Eule.

Ich nannte sie Hugo. Hugo legte bald die Strecke von Athen nach Remscheid einmal in der Woche zurück und erwies sich als äußerst zuverlässiger Partner bei meiner Geschäftsidee. Er war die ideale Alternative zu Brieftauben - und, da er nachts reiste, auch nicht so auffällig. Meist schickte ich ihn dienstags mit einem kleinen Säckchen am Bein los. Sonntags war er wieder da und brachte schöne frisch gepresste 500-Euro-Scheine mit. Hin und wieder fragte ich mich allerdings, wann mein Geschäftspartner wohl herausfinden würde, dass die Diamanten, die Hugo ihm wöchentlich brachte, falsch seien.


II. Hugos Urlaub

Nachdem Hugo drei Jahre für mich gearbeitet hatte, trat er eines Tages vor mich hin, die Flügelspitze umschloss einen kleinen blauen Koffer, um den Hals hing ein Fotoapparat. Ich sah überrascht auf. „Drei Jahre habe ich dir treu gedient“, sagte er, „und deinen Wohlstand vermehrt, laß mich nun ziehen.“ Wir einigten uns auf einen dreiwöchigen Urlaub und frohgemut flog er davon. In der Folge erhielt ich Ansichtskarten mit idyllischen Motiven aus dem Schwarzwald, dem Fichtelgebirge, einer oberösterreichischen Gebirgskette und hin und wieder auch Briefe, meist mit kurzen Bemerkungen wie „Erst im Urlaub öffnet sich der Blick für all die Schönheiten dieser Welt.“ oder Ausrufen „Oh, könnt‘ ich mich verlieben!“. Beigelegt waren Photos von Schornsteinen, Burgtürmen, Kränen und derlei hochaufgeschossenen Bauwerken oder Konstrukten. Ich war etwas verwundert, führte aber diese Vorliebe auf seine mir nicht immer durchschaubare Vogelnatur zurück.

Schließlich erhielt ich eine Ansichtskarte aus Paris, worauf nur „Sie ist es ...“ stand, etliche Pünktchen und viele Ausrufezeichen folgten. Einige Tage später überstürzten sich die Nachrichten und aufgeregten Meldungen aus Paris, auf den ersten Seiten der Zeitungen prangten Bilder vom Eiffelturm, merkwürdig verdreht – ja, die Stahlkonstruktion hatte sich plötzlich – über Nacht – aus unerfindlichen Gründen zu einem Knoten gewunden. Ein Brief von Hugo traf ein – ebenfalls mit einem Photo von dem so seltsam veränderten Wahrzeichen Paris‘, ummalt mit einem dicken roten Herz.

Es war ein Kündigungsschreiben, ein wenig wirr, fand ich, den aufgewühlten Gefühlszustand meiner Eule wiedergebend. „Sieh nur, sieh nur!“ stand da in großen, etwas zittrigen Buchstaben. „Ich habe ihr den Kopf verdreht! Ungeahntes Glück durchströmt mich, wenn ich ihr leuchtend‘ und blinkend‘ Haupt umkreise und Liebe mich torkeln und schwindeln lässt. Und sie erwidert mein Werben, beugt es mir entgegen, ihr holdes Haupt, folgt meinem Liebestaumel, windet und verschlingt sich. Oh, welche Wonne! Ich bleibe, besuche uns einmal!“

Für die kostspieligen Trainingsstunden meiner neuen Boteneule wird Hugo allerdings aufkommen müssen.

(c) Felicitas Nispel

Dieser Text entstand anlässlich einer Schreibwerkstatt in der VHS zum Thema „Turm“