Felicitas Nispel

Mord am Baggersee

I. Morgendämmerung

Sabine Fuchs blieb vor der verfallenen Hütte stehen, schob fröstelnd die Hände in die Hosentaschen, gähnte. Noch war der Morgen vom schrillen Pfeifen der Vögel beherrscht; auf dem Dach saßen zwei Amseln – ihr Ort und ihre Zeit – und flatterten nicht davon vor der langsam sich nähernden Kommissarin. Sie wunderte sich, dass von den Kollegen nichts zu sehen war; zumindest im Umkreis Nieder-Jena sich aufhaltende Streifenwagen hätten vor ihr eintreffen müssen.

Noch im Halbschlaf nach dem kaum wahrgenommenen Telefonat, von dem sie nur Bruchstücke wie ferne Klangfetzen erinnerte, hatte sie sich aus dem Bett, in ihre Kleider und ins Auto gequält, um über leere Straßen durch die noch schlafende Stadt zum See und dem Gelände der Surfschule zu gelangen, wo eine Leiche ihr angekündigt worden war. Waren es überhaupt Kollegen gewesen, fragte sie sich jetzt, die sie informiert hatten? Die Stimme hatte dumpf geklungen, sie in den Tag getrieben und gleichzeitig in ihrem Traum gefangen gehalten, dem Traum von dem großen unheimlichen Haus, in dessen unendliche Gewölbe sie hinunter gestiegen war, - als das Telefon klingelte, und sie aus tiefen Kellerverließen hervor nach dem Hörer tasten musste. Wer hatte sie angerufen? Und wo war die Leiche? Vor ihr steckten Flaschen im Sand, auf dem unter dem Vordach der Hütte hervorragenden Tisch standen Gläser, Surfbretter lehnten schief an dem niedrigen schrägen Blechdach des kleinen angebauten Schuppens. Sie stellte sich die Gesellschaft vor, die hier irgendwann nachts unbekümmert lärmend den Ort ihrer Feier verlassen hatte, ihr fröhliches Treiben markierend, Spuren in den Sand setzend. Was hatten sie noch zurückgelassen? Wo blieben die Kollegen? Was sollte dieser Anruf? Sie überlegte, ob sie wieder nach Hause fahren sollte, das Feld den Vögeln überlassend, die es in der aufsteigenden Sonne kreischend behaupteten.

Kalter Wind kam auf und blähte den breit gestreiften Windsack auf dem Dach der Hütte, ließ die Fahne auf der entgegengesetzten Ecke des Firstes flattern, so dass jetzt die Aufschrift „Surfschule“ zu lesen war. Der Wind stieß die leise knarrende Holztür des kleinen Schuppenanbaus auf, schlug sie wieder zu. Sabine Fuchs, die sich schon abgewendet hatte, zögerte, kehrte dann entschlossen um und ging mit raschen Schritten auf die Tür zu.



II. Nieder-Jenaer Tageblatt vom 3. August 2004: „Mord am Baggersee“

„ Am Morgen des 30. Juli wurde in einem Gebäude der Surfschule „Wasserspaß“ am Nieder-Jenaer See der 23-jährige Mario S. erschlagen aufgefunden. Als dringend tatverdächtig wurde sein Geschäftspartner Kevin W. von der Polizei festgenommen. Während der am Abend zuvor stattgefundenen Geburtstagsfeier war es Zeugenaussagen nach zu einem heftigen Streit zwischen den beiden bereits stark alkoholisierten Inhabern der Surfschule gekommen. Es sei um den von Kevin W. geplanten Verkauf des Geländes an die Stadt Nieder-Jena gegangen.

Bürgermeister Manfred Holpert erklärte hierzu gegenüber der Presse, er bedauere den Vorfall außerordentlich, zumal das Unglück sich im Anschluss an die Feier seiner Tochter Wiebke zu deren 18. Geburtstag ereignet habe. Er habe mit Herrn W. über den Verkauf des Geländes gesprochen, da ein namhafter Investor dort einen Vergnügungspark errichten wolle, woran in den Zeiten hoher durch die Bundespolitik zu verantwortender kommunaler Verschuldung die Stadt Nieder-Jena ein großes Interesse habe. Er sei davon ausgegangen, dass Herr W. auch im Sinne seines Geschäftspartners gehandelt habe.

Er bestätigte, dass seine Tochter mit dem Opfer näher bekannt gewesen sei und berichtete weiter, sie wäre völlig verstört von der Feier nach Hause gekommen. In diesem Zusammenhang kritisierte er die seiner Meinung nach unzureichende Ermittlungsarbeit der Polizei, da seine Tochter ihm gegenüber glaubhaft eine Freundin – den Namen wolle er hier nicht nennen - beschuldigt habe. Herr Kevin W. sei ihm allerdings als durchaus seriöser Geschäftsmann bekannt. Polizeisprecher Jürgen Dittrich wollte sich zu den seiner Dienststelle gegenüber erhobenen Vorwürfen nicht äußern.“


III. Das Verhör

Sabine Fuchs legte ärgerlich den Hörer auf. Sie hatte kaum den schrillen Wortschwall ihrer Tochter unterbrechen können. Ja, es tat ihr leid – sie dachte daran, wie sie heute morgen mit dem Wäschekorb, den beiden Akten, die sie mit nach Hause genommen hatte und ihrer noch unter den Arm geklemmten Tasche in den Keller gehetzt war, die Wäsche in die Maschine gestopft und noch darauf geachtet hatte, daß der Wasserhahn auch aufgedreht war. Dann hatte sie wohl den Temperaturregler auf 90 statt auf 30 gestellt, und nun wurde das ehemals orange T-Shirt ihrer Tochter von grünen Flecken verunstaltet und war auf die Größe eines Topflappens geschrumpft, wie Mirya von Schluchzern unterbrochen ins Telefon geschrien hatte.

Das Klopfen an der Tür hatte sie wohl überhört, denn nun wurde sie zaghaft ein Stück geöffnet, und in dem Spalt erschien der schwarz gelockte Kopf eines Mädchens, das fragend zu ihr herüberblickte. „Gianna, kommen Sie herein“, sagte Sabine und bot ihr den Platz auf der anderen Seite des Schreibtischs an. Gianna war 17, etwas älter als ihre Tochter, und es durchzuckte sie schmerzhaft, dieses Kind im Zusammenhang mit einem Mord vernehmen zu müssen. Sie räusperte sich, hantierte umständlich am Aufnahmegerät herum, um etwas Zeit zu gewinnen. „Sie waren auch auf der Geburtstagsparty?“ Gianna nickte, kniff die Augen zusammen und ließ keinen Zweifel daran, daß Sabine ihr auf die Nerven ging. Weshalb sollte sie sonst hier sein? Mürrisch berichtete sie, wann sie gekommen und wieder gegangen war. „Zu früh“, meinte sie, „so gegen elf, und dann ist es ja erst richtig spannend geworden!“ „Spannend?“ Sabine lehnte sich zurück. Das Aufnahmegerät hatte einen Tick und ließ ein regelmäßiges Klacken hören. „Ja, Sabrina hat‘s mir erzählt: Mario und Kevin haben sich gefetzt, und die Wiebke hat dem Mario ‘ne Szene gemacht und ist dann weg gerannt – völlig hysterisch!“ „Wie war denn Ihr Verhältnis zu Mario?“ „Cool, ja echt super! Der wollte immer mit mir auf‘s Wasser, auch wenn ich gar kein Training hatte. Der hat mir alles erzählt, dass die Wiebke ihm auf die Nerven ginge, ihn nicht in Ruhe lässt und so. Und dass er die Surfschule ganz groß ausbauen will – mit so Super-Events und so.“

Atmen, dachte Sabine, atmen, und merkte, dass es der gepresste Tonfall in der Stimme Giannas war, der sie selbst die Luft anhalten ließ. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, räusperte sich. „Waren Sie mit Wiebke befreundet?“ „Ja, schon ..., sonst hätte sie mich ja nicht zu ihrem Geburtstag eingeladen, oder?“ „Sie sind später, so gegen halb zwei nochmal auf der Party gesehen worden.“ „Ich! Wer .... Das hat Ihnen bestimmt die Wiebke erzählt, die eifersüchtige Ziege!“ Sabine schwieg und versuchte, ihre Beklommenheit und den aufkommenden Ärger zu unterdrücken; sie hätte dieses störrische Kind anschreien und rütteln mögen. Sie rieb sich das Ohr, als könne sie so die Erinnerung an die Stimme ihrer Tochter, deren Tonfall sich die Giannas näherte, verscheuchen.

„Entschuldigung“, sagte sie, „ich habe so ein Klirren im Ohr.“ Gianna sah sie überrascht an. „Meine Tochter hatte gerade angerufen, als Sie rein kamen. Ich hab‘ ihr T-Shirt verdorben – zu heiß gewaschen.“ „Bestimmt ihr Lieblings-T-Shirt“, Gianna schob die Unterlippe vor. Sabine nickte. „Das kenn‘ ich“, fuhr Gianna fort, „ meine Mutter hat mal ....“ Sie schwieg nun und schaute unter sich, heftig auf der Unterlippe kauend. „Wissen Sie“, begann sie nach einer Weile, in der nur das Klacken des Aufnahmegerätes die Stille des Raumes durchbrach, „Mario und ich haben uns geliebt.“ Tränen standen jetzt plötzlich in ihren Augen. „Ich bin schuld ...“, murmelte sie, beugte sich weiter vor, ballte die Fäuste. „Ich bin schuld!“ schrie sie fast. Sabine sah sie an und fühlte, daß in ihr Angst, Angst um dieses Kind aufkam. „Was ist passiert?“ fragte sie leise. „Ich bin nicht nach Hause“, sagte Gianna, sah auf ihre Hände, ihr Finger malte verschlungene Linien auf die Schreibtischplatte.

„Ich bin zum See runter. Da saßen die Wiebke und der Mario. Ich bin ganz leise näher geschlichen und hab‘ gehört, wie die Wiebke gerade erzählt, dass ihr Vater Investoren für das Gelände hat und schon einen Kaufvertrag mit dem Kevin ausgehandelt hat. Der Mario ist aufgesprungen – na ja, ein bisschen getorkelt ist er dabei – ‚dem zeig‘ ich‘s!‘ hat er geschrien, ist zurück zur Fete und hat ‘nen fetten Streit mit dem Kevin angefangen. Irgendwann hat er ‚alles meins‘ gebrüllt und ist in den kleinen Schuppen gerannt. Ich dachte, das ganze Ding stürzt ein, so hat er die Tür zugehauen. Nach einer Weile wollte ich zu ihm, da seh‘ ich die Wiebke mit ‘ner Flasche Sekt oder so sich in den Schuppen schleichen. Ich bin dann hintenrum und hab‘ an der Wand gelauscht. Na ja, der Mario war doch meiner, oder? Das ging dann irgendwie hin und her zwischen den beiden, und schließlich sagt die Wiebke ‚... wenn wir heiraten, dann gehört dir eh‘ alles wieder!‘ Da hat der gelacht! Ich hab‘ das nicht aushalten können und bin reingeplatzt und hab die Wiebke angeschrien ‚Verlogenes Biest!‘ und so, und daß Mario und ich schon lange verlobt seien. Da ist die Wiebke raus, und der Mario auf mich los – mit so ‘nem stieren Blick. ‚Hau ab!‘ hat er gebrüllt – zu mir! – ‚Hau ab!‘ Ich weiß nicht, ich hab‘ dann neben mich gegriffen, da war das Ruder vom Schlauchboot, das war plötzlich in meiner Hand, und ich ... ich hab zugeschlagen, ja richtig zugeschl ... hoch und drauf: der stiere Blick war plötzlich nicht mehr da, umgefallen, der Mario war umgefallen. Ich bin raus und weg gerannt, in meinem Kopf war ein Dröhnen, so ein Dröhnen, als ob er gleich platzt.“

Tränen tropften auf die Schreibtischplatte, und die von Giannas Finger gezeichneten Schnörkel und Schlangenlinien wurden als verschlungene feuchte Schlieren sichtbar. Sabine starrte auf den schwarzen Lockenkopf, der fast auf den Tisch gesunken war, lauschte dem regelmäßigen Klacken des Aufnahmegeräts, bemerkte die sich vertiefenden Schatten im Raum in der aufsteigenden Dämmerung und dachte „Es geht vorbei,“ und wieder „es geht vorbei.“ Gianna flüsterte etwas. Sie verstand nicht. „Entschuldigung, ich habe jetzt nicht verstanden, was Sie gesagt haben.“ „Kaufen Sie ihr ein neues“, sagte Gianna, und Sabine sah ihre schmalen Augen, verschwommen in Traurigkeit, „Ihrer Tochter, kaufen Sie ihr ein neues T-Shirt.“ Sabine nickte und wusste plötzlich nicht mehr, wie lange sie hier schon saß und mechanisch vor sich hin nickte. „Es wird wieder gut“, murmelte sie, „es wird alles wieder gut.“

(c) Felicitas Nispel

Dieser Text entstand anlässlich einer Schreibwerkstatt in der VHS „Kriminelles Schreiben“