Ursula Engel

Die Pyromanin

Als ich wieder nach Hause kam, war es nicht mehr das gleiche. Ich will nicht sagen, dass andere Möbel da waren. Sie standen sogar an ihren alten Plätzen. Auch dieser Tisch, den wir anscheinend haben müssen. Er ist mir zu schwer.

Irgendwo im Haus klingelt das Telefon.
Es ist wieder mal mein Mann, der mir sagen will, dass er wichtige Geschäftsfreunde eingeladen hat. Er wünscht sich, wie gewohnt, ein tolles Fest für seine Gäste. „Dein Äußeres wird sicher entsprechend sein, sagt er, „wie es sich gehört, nicht wahr, mein Liebling. Und trink nicht wieder so viel!“ – Das sind immer seine letzten Worte, bevor er den Hörer auflegt.

Ich stehe regungslos in der Tür. Mein Blick wandert wieder zu diesem Tisch, der mir zu schwer ist. Ich kann meinen Blick nicht lösen. Der Tisch wird immer länger. Mit seiner Größe und Schwere füllt er den ganzen Raum aus. Um ihn herum stehen viele Holzstühle mit hohen Rückenlehnen. Sie sind besetzt von menschengroßen Stoffpuppen. Was wollen sie hier? Jetzt schon? Es ist noch nicht angerichtet.

Im Zeitlupentempo betrete ich den Raum, gehe um den Tisch herum und begrüße alle. Sie geben mir keine Antwort. Als ich ihnen den Rücken zudrehe, beginnen sie aber zu tuscheln und zu lachen. Ich möchte in die Küche

flüchten. Dort finde ich bestimmt, in meinem Versteck,
noch eine gute Flasche Wein. Doch ich ermahne mich: Jetzt nicht, vielleicht später.

Ich beginne den Tisch mit giftgrünem Stoff zu bedecken, bodenlang, um ihn optisch zu verkleinern. Die Farbe bildet einen guten Kontrast zu den Puppen mit den roten Kleidern. Selbstverständlich haben wir auch das farblich abgestimmte Geschirr für jede Gelegenheit im Haus. Tafel und Raum werde ich heute barock gestalten, mit dem entsprechenden üppigen Blumenschmuck. Ein opulentes Mahl wird es geben, mit schwerer, erdiger Kost. Getränke sind ausreichend vorhanden, auch Verdauungsschnäpse, die werden sicher benötigt.

Das Gelächter der Stimmen wird immer lauter und übertönt das Klingeln des Telefons. Mein Kopf dröhnt. Ich gehe wie in Trance auf eine dieser Puppen zu, nehme sie und nagele sie an die Wand. Jetzt ist sie stumm. Das gefällt mir. Das Gemälde daneben hänge ich ab. Ich schlage einen zweiten Nagel in die Wand und hänge die nächste Puppe neben der ersten auf.

Dann nagele ich alle akkurat nebeneinander an die große, freie Wandfläche. Stille breitet sich aus, wie ich es liebe.

Ich gehe langsam in die Küche, hole mir ein Glas Wein und genieße es, durch meine Stille zu wandeln. Ich lehne mich an den Türrahmen und schaue auf meine Inszenierung. Sehr dekorativ die Puppen an der Wand, in stetiger Reihe, sprachlos und mit hängenden Köpfen.

Es müssen noch viele Kerzen aufgestellt werden, nicht nur auf den Tischen. Die Seelen an der Wand haben alle eine zusätzliche Kerze verdient. Ich stelle sie unter ihren Füßen auf und zünde sie an. Die Kerzen auf den Tischen brennen schon eine Weile. Mein Werk ist vollbracht, es ist mir gut gelungen. Nun sollten aber die Gäste bald kommen, um das großartige Arrangement zu sehen.

Während ich meinen Wein trinke, schaue ich den brennenden Kerzen zu. Grandios, die züngelnden Flammen. Es ist Zeit zu gehen, ich muss mich trennen. Das leere Glas lasse ich auf meiner Lieblingskommode im Flur zurück.

Noch haben die Puppen nicht Feuer gefangen. Ich gehe hinaus. Ich bin die Einzige. Alle anderen gehen hinein.1


LAUFFEUER

Ich lebe jetzt zurückgezogen in England in einem gemütlichen Cottage auf dem Lande. Inzwischen habe ich mich hier als selbständige Unternehmerin etabliert. Meine Aufträge erhalte ich über Anzeigen: „Pyromanin gestaltet Ihr individuelles Fest (gew.) Chiffre-Nr. 9999.“ Die Nachbarn sehe ich selten, aber regelmäßig sonntags in der Kirche. Das Haus nebenan bewohnt Miss Marple. Sie ist nett, aber neugierig. Ich spüre, dass sie mich beobachtet und in ihren Augen lese ich viele Fragen.

Meine erfolgreichen Inszenierungen verbreiten sich wie ein Lauffeuer.

Inzwischen wurde auch der „Club der Pyromaninnen“ gegründet, unter meiner Leitung. Wir treffen uns regelmäßig an speziellen Kalender- und Familientagen zu regem Gedankenaustausch. Bei unserem letzten Treffen haben wir uns auf ein Erkennungssymbol, ein Tatoo, eine züngelnde Flamme, geeinigt. Damit sich keine Fremden oder etwa gar Miss Marple ein schleichen können, tragen wir daher an Feiertagen in der Mitte des linken Schulterblatts ein elliptisches Loch im Kleid.2

Seit einigen Tagen warte ich auf die zweite Rate für einen von mir erledigten Auftrag. Wir haben Barzahlung vereinbart, wie immer. Diesen Auftrag ich mit besonderem Fingerspitzengefühl und viel Phantasie ausgeführt. Die Kundin war begeistert und sehr zufrieden.
Als ich abends federleicht nach Hause komme, finde ich im Briefkasten ein großes Kuvert. Ich trage es in die Küche, greife nach dem Brotmesser, besinne mich dann noch rechtzeitig und schneide die rötliche Papiertasche mit dem Küchenmesser auf.
Es müsste ein dickes Bündel Geldscheine darin sein, aber.............

(c) Ursula Engel

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1 aus: Hanna Johansen, Die Brandstifterin


2 Als ich eines Abends federleicht nach Hause kam, fand ich im Briefkasten ein großes Kuvert. Ich trug es in die Küche, griff nach dem Brotmesser, besann mich dann noch rechtzeitig und schnitt die rötliche Papiertasche mit dem Küchenmesser auf .... .................................................................An Feiertagen trage ich in der Mitte des linken Schulterblatts ein Loch im Kleid.

aus: Irmtraut Morgner, Hochzeit in Konstantinopel