Ursula Engel

In jedem Fall Michael

Mit angewinkelten Beinen sitze ich auf der Fensterbank. Ich umschlinge mit den Armen meine Knie und schaue abwechselnd zum Krankenbett oder nach draußen, hinunter auf die Menschen, sehe wie sie geschäftig herumirren. Bei mir ist es im Moment schöner. Ich schiebe eine ruhige Kugel und habe deshalb Zeit euch meine Geschichte zu erzählen.

Im Krankenbett liegt Michael Schumacher. Die Ärzte sagen, dass er nur ein paar angebrochene Rippen und eine leichte Gehirnerschütterung hat. Da fällt mir ein Stein vom Herzen. Dieser Formel-1-Rennfahrer ist mir nun schon eine lange Zeit anvertraut. Nach all den Jahren habe ich mich an ihn gewöhnt. Überall auf der Welt fährt er wie besessen mit seinem Ferrari im Kreis auf irgendwelchen Rennstrecken herum. Und ich immer mit.

Ich bin Schutzengel Hannah, ein Engel zweiter Ordnung. Wir helfen den Menschen ihre Fähigkeiten so einzusetzen, dass sie ihre Schwächen erkennen und überwinden. Das kann lange dauern, vor allem bei so einem Exemplar der menschlichen Gattung, wie diesem. Aber man soll nicht so schnell die Flinte ins Korn werfen. Ich kann ein Liedchen davon singen.

Damit er Millionen von Euro scheffeln kann, ist er in seiner Gier unersättlich. Das Sprichwort: „Geben ist seliger als nehmen“ kennt er nicht. Obwohl, neulich hat er sich herabgelassen, eine Million zu spenden und Michael lächelte wie immer mit hochgezogenem Mundwinkel in die Kamera, was die Frauen so an ihm lieben. Ich könnte ihm zeigen, wie man ohne Geld auskommt.

Als der Unfall passierte war es wie immer Michaels Ziel, in den Vorrunden den ersten Platz in der Pool-Position zu erreichen. Na gut, das kannte ich ja schon. Genau in diesem Moment sah ich Erzengel Michael, meine unerfüllte Liebe. Ich würde so gern die erste Geige beim ihm spielen. Aber auch Engel lernen, Träume sind Schäume. Ich konnte meine Augen wieder Mal nicht von ihm abwenden, obwohl er aussah, als ob ihm eine Laus über die Leber gelaufen wäre. Wenn ich ihn sehe, schmelze ich dahin.

Oft ist mein Schwarm in der Nähe, wenn ich mit Michael Runden fahre. Vielleicht will er mich prüfen oder er ist neidisch, weil er selbst keine Rennen mehr fahren kann. Nur einen Augenaufschlag habe ich mich abgewendet. In diesem Augenblick platzte ein Reifen. Der Wagen drehte sich einige Male im Kreis und Michael knallte in die gepolsterte Wand. Den Kopf hat er nicht verloren. Dem Himmel und mir sei Dank. Mit den Ingenieuren wird er einige Hühnchen rupfen. Ich hätte ihn nicht aus den Augen lassen dürfen.

Engel Peip, so wie ich, ein Engel zweiter Ordnung, bewacht Eric Zabel, den Radrennweltmeister. Eric hat sich die Ferse gebrochen, aber nicht beim Radfahren. Ein Engel kann die Augen nicht überall haben.

Den Zabel hätte ich auch gerne beschützt. Er ist so sympathisch. Ich fühle immer mit ihm, wenn er sich als Sprinter bei der Tour de France über die Berge quälen muss. Millionen sind damit nicht zu verdienen. Mit meinem entsprechenden Antrag, zu Zabel zu wechseln, bin ich beim Obersten auf Granit gestoßen.

Wenn jetzt noch ein Engel unaufmerksam würde, wären wir zu Dritt. Wir könnten eine Skatrunde eröffnen. Ich erinnere mich, dass Engel Peip dieses Kartenspiel beherrscht. In ihrem Erdendasein hat sie einige Skat-Turniere gewonnen. Doch statt uns mit Skatrunden zu vergnügen, müssen wir zur Beichte. Ich werde einen Frosch im Hals haben. Ausreden, aus den Rippen schneiden, ist nicht.

Was wird der Oberhirte machen? Wahrscheinlich wird er sich wieder die Haare raufen und uns die Flötentöne beibringen. Aber meistens wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wurde. Vielleicht lässt er sich breitschlagen, tauscht uns Engel aus und ich bekomme Erik Zabel.

(c) Ursula Engel