Elke Therre-Staal

Rahel zu ihrer Magd Bilha

„Glaub mir, ich hab ihn ausgekostet, diesen Moment. Ich saß auf den Satteltaschen meines Kamels. Der Vater stand vor mir, nachdem er erst Leas Zelt durchsucht hatte. ‚Sei nicht böse, mein Herr!‘, so sprach ich zu ihm, ‚ich kann vor dir nicht aufstehen. Es geht mir nach der Frauen Weise‘. Weder sein Zorn ließ mich erzittern noch seine Stimme mich erbeben. Er war mein Gott und mein Herr nicht mehr. Ich gehörte ihm nicht mehr. –
Reich mir den Korb, trag nicht so Schweres in Deinem Zustand. Du weißt, wie sehr ich den Vater liebte. Gehorsam war ich ihm und vertraute seiner Güte und Weitsicht. Alle dienten wir ihm. Sein Wort war Gesetz.
Sogar als er uns sieben Jahre warten hieß, dankte ich ihm, daß er weise handelte und Jakobs Liebe zu mir prüfte. Und wenngleich mein Herz nach Jakob schrie und ich nachts das Haar löste und es dem Wind preisgab, daß er mir Kunde von meinem Geliebten bringe, wartete ich gern. Ich tat es für Lea, meine Schwester, die Langsame, die von Kindheit an meiner Hilfe bedurfte. Denn nie hätte ich vor ihren Augen einen Mann begehrt und Zeugnis seiner Lenden gegeben, wäre sie dabei ohne wärmende Nähe des Nachts und ohne den Schutz eines Mannes zurückgeblieben.
So wartete ich, daß mein Jakob zu mir käme und mein Leib Zeugnis geben würde von seiner Männlichkeit.
Sieben mal dreizehn Mal floß mein Blut nach der Frauen Weise. Die Lämmer durften sich auf der Weide tummeln, des üppigen Euters ihrer Mütter gewiß. Mein Schoß aber blieb verschlossen. Meine Brüste füllten sich nicht mit Milch. –
Setz Dich in den Schatten, Bilha, ich weiß, Deine Stunde kommt bald. Ich werde Dir etwas Minzöl auf den schmerzenden Rücken reiben. Lehn Dich an mich. So ist es gut, schließe die Augen, ich werde Dir weiter erzählen. Du warst Zeugin, ohne Deine Hingabe hätte ich es nie geschafft.
Ich zählte die Tage und Stunden, bis mir Jakob beigegeben würde. Da sah ich Lea, wie sie aus dem Zelt des Vaters kam. Sie schlug die Augen nieder und sah mich nicht an. Schon immer wollte sie mehr. Gab ich ihr von meinem Brot, so nahm sie alles. Sie ist der Liebling des Vaters und glaubt doch immer, sie käme zu kurz. Unstillbar ist ihre Gier. Da gleicht sie dem Vater.
Ich wußte es gleich: Ich werde betrogen von ihr und dem Vater.
Jakob war ahnungslos, als Lea ihm vom heimtückischen Vater in der Brautnacht untergeschoben ward. Er bemerkte den Betrug erst am kommenden Morgen. ‚Vollende die Hochzeitswoche‘, verlangte der Vater, ‚dann will ich auch Rahel dir geben, wenn du für sieben weitere Jahre mir dienst.‘ Und so geschah es. –
Jakob wohnte mir bei, wir liebten uns, aber mein Leib blieb flach. Leas hingegen wölbte sich wieder und wieder. Sie gebar Reuben und Simeon und Levi und Juda. Und ihre Milch floß. Da wuchs mein Haß auf den Vater, verstehst Du das, Bilha, mein Täubchen? Mein Herz war verhärtet, und ich klagte vor Gott, unserem Herrn. Und bat ihn um Gnade, daß er meinen Schoß segne. Jedesmal, wenn mein Blutfluß kam und meine Tränen nicht versiegen wollten, schrieb ich‘s dem Vater zu.
Meine Treue zu Jakob hatte er mißbraucht, keine Ehrfurcht gehabt vor der Fruchtbarkeit meines Leibes. Taub war er gewesen für die Schreie meines Herzens. Mit seinem Wort hatte er Zwietracht gesät zwischen Lea und mir. Sogar zwischen Jakob und mir. Denn ich haderte mit meinem Liebsten und sprach zu ihm, daß ich stürbe, wenn er mir keine Söhne verschaffte. So sehr war ich verstrickt, daß ich Jakobs Liebe nicht achtete und grollte, wenn er zu Lea und ihrer Magd Silpa ging.
Da mein Schoß so lange verschlossen war, nahm der Vater dies als Zeichen, daß er Recht getan hatte. Mein Haß kannte kein Maß mehr. Denn er war noch der, dessen Wort mir alles galt.
Gott erhörte meine Stimme. Er trug mir auf, Dich zu Jakob zu schicken. Auf meinen Knien gebarst du mir Jakobs Sohn, den ich Dan nannte. Und wiederum wurdest du schwanger von ihm und trugst unseren Sohn Naftali. Mein Blutfluß aber kam, Monat für Monat. –
Laß uns ins Zelt gehen. Jakob und die Knechte werden bald essen wollen. Weißt Du eigentlich, daß Lea eine fruchtbringende Alraune hatte? Ich bat sie darum und erlaubte ihr dafür sogar, Jakob wieder zu empfangen. Hatte nicht auch ihre Magd Silpa Jakob schon zwei Söhne geboren?
Den fünften und den sechsten Sohn gebar Lea ihm. Der Vater triumphierte. Mein Leib aber blieb flach. Bis Dina, Leas Tochter, kam. Ich erkannte mich in ihr. Sie war wie ich. Mein Herz wurde weich. Und Gott, der Herr, hatte Erbarmen mit mir und nahm die Schande von mir.
Ich gebar meinen Sohn Joseph, sechs Jahre nach der Hochzeit, den wahren Sohn, den Einzigen, der mich erlöste und Zeugnis von unserer Liebe gab. Jakob aber hatte Wohlgefallen an ihm. Von Sehnsucht ergriffen, wollte er zurückkehren in seine Heimat. Er forderte seinen Lohn vom Vater, da er seinen Besitz mit kluger Hand verwaltet und vermehrt hatte.
Bilha, meine Vertraute, Du weißt es, ich weiß es, alle haben es gesehen, wie der Vater wiederum Jakob betrog. Zehnmal hat er den Lohn geändert. Und ich begriff: Auch uns, seine Töchter, hatte Laban betrogen. Wie Fremde galten wir ihm.
Gott, der Herr, war mit Jakob und befahl ihm, wieder ins Land seiner Väter zu ziehen. Da hob er uns alle, mich, Dich, Lea und Silpa und die elf Söhne und Dina auf Kamele und machte sich auf mit allem, was ihm gehörte.
Ich aber nahm den Hausgott des Vaters mit auf die Reise. Jakob sagte ich davon nichts, denn er hatte noch Angst vor dem Vater. Der holte uns mit den Brüdern nach zehn Tagen ein und meinte, alles gehöre ihm, sogar Lea und ich und unsere Söhne.
Da wußte ich: Seine Macht ist da zu Ende, wo es uns nach der Frauen Weise geht. Gott, unser Herr, gab mir die Klarheit des Geistes, und die Jahre des Wartens und Leidens erhielten ihren göttlichen Sinn: Ein unfruchtbarer Schoß ist keine Ware, die feilgeboten wird. Und niemandes Besitz, es sei denn der meine, daß erkannte ich plötzlich, ich, die ich saß auf dem Hausgott. Mein Blutfluß, der mir jahrelang eine Schande war, war nun meine Stärke.
Bilha, und nun hör mir zu: Ich sah in seine zornigen Augen und erzitterte nicht. Ich hörte seine Stimme, laut und furchtbar, und ich erbebte nicht. Zwischen meinen Schenkeln ruhte der Hausgott. Ich spürte seinen Druck, und es war Lust und Freude in mir. Erbärmlich erschien mir der Vater in seiner Machtlosigkeit.
Und ich, Rachel, die jahrelang Gedemütigte, war es, die Jakob den Mut gab, Laban zornig entgegenzutreten. Ich habe bewirkt, daß Jakob und der Vater einen Grenzstein aushandelten, ein Steinmal, welches die Länder trennt, die von Jakobs Familie und die des Vaters, so daß keiner von ihnen je wieder in böser Absicht diese Grenze überschreite.
Es ist soweit, Bilha? Holt Tücher und heißes Wasser, Ihr Frauen. Schickt die Männer weg. Komm, meine Teure, knie Dich auf meine Schenkel. Ich empfange mit Freuden Jakobs dreizehntes Kind. Möge es eine Tochter sein, die unsere Herzen aufschließt und mutig sagen wird: ‚Es geht mir nach der Frauen Weise‘ “.

(c) Elke Therre-Staal