Elke Therre-Staal

Blautöne

Ich wusste nicht, dass dies das letzte Mal mit Willi in seinem Zelt sein sollte.
Ich war völlig fertig gewesen. Die Woche war wieder mal voll anstrengend, ständig neue Patienten, die alten waren nur am Jammern. Sie wollten nicht wirklich etwas ändern in ihrem Leben, obwohl alles in ihrem Körper auf Sturm stand. Ich sollte es wissen, was für sie richtig war. Ich hielt mit der Wunderdroge hinterm Berg, denn dass ich sie hatte, war ja offensichtlich. Manchmal dachte ich, ich sollte ihnen von meiner Gesundheit abgeben, was ich schließlich auch tat, denn ich fühlte mich von Monat zu Monat ausgepumpter.
Nur der Gedanke, am Wochenende zu Willi zu gehen, hatte mich aufrechterhalten.
Samstag früh ging ich auf den Markt und kaufte leckere Sachen, packte meinen Rucksack und zog los. Das Auto stellte ich neben dem Trimmdichpfad ab, machte meine Übungen und folgte dann nach der letzten Etappe den geheimen Spuren, die ich in die Rinden geritzt hatte.
Willi erwartete mich schon. ER saß vor seinem Zelt, hatte Tee gekocht und wedelte mit dem Coelho: “Der Pilger“, den ich ihm letzte Woche gebracht hatte.
Er grinste mich an: „Haste wieder was Neues für mich?“
„Erst frühstücken“, sagte ich. Während wir die Croissants und den französischen Weichkäse aßen, erzählte Willi seinen Traum. Er habe wieder Mal im Geschäft gestanden, alle wollten was von ihm. Der Chef blökte ihn an, Lieferungen waren zurückgekommen. Das wäre meine Schuld, die Kunden wären unzufrieden. Mit den Fahrern klappte es nicht, einer war durchgebrannt, hatte das halbe Lager mitgenommen. Plötzlich tauchte seine Freundin auf und schrie:“ Ein Kind ohne Vater stirbt“. Sie habe ein verstümmeltes Baby hochgehoben mit nur einem Arm und einem Bein, und der Kopf war gespalten in zwei Hälften.
„Davon bin ich aufgewacht“, Willi stöhnte, „mit dem Satz: Ohne Vater tot!“
Ich erinnere mich, dass ich Willi ansah und dachte: Das wundert mich nicht. Bei der Familie, Willi war immer der Bastard gewesen, Vater unbekannt. Gesagt habe ich:“ Willi, Du hast wieder zu lange in die Sterne geguckt und das Essen vergessen!“ Dann habe ich ihn zum See geschleift, und wir badeten, und es wurde ein richtig SuperWochenende. Wir haben am Feuer gesessen. Willi hat erzählt, was er alles gemacht hatte, nachdem er seinen Abteilungsleiterjob aufgegeben hatte, total spannend. Hat die Karriere einfach weggeschmissen, wollte den wahren Menschen finden, wie Augustinus: „Verpiss dich, Reichtum. Sex, Liebe, Beziehungskram, alles Scheiße“. Im Wald wollte er leben. „Hier finde ich Gott“, sagte er.
„Die Sterne morsen mir seine Botschaft zu. Jede Nacht suche ich mir einen anderen Stern aus und dann, klick, bin ich oben. Und schau hinunter auf diese Erde. Die geht vor die Hunde.
Diese karriere geilen Schweine fahren doch alles an die Wand. Denken nur an sich“.
Das war sein Credo: das Käuzchen sprach das Nachtgebet und das Rascheln der Tiere seine Lithurgie.
Ich wollte es nicht hören, wenn er manchmal erzählte, dass lange Schatten nach ihm griffen und er bei Hundegebell Gewehrläufe auf sich gerichtet sah. „Die Gestapo wird mich finden“, er schrumpfte in seinen zerrissenen Klamotten zu einem sechsjährigen Jungen, der trotzig von zu Hause weggelaufen war.
Die folgenden Wochenenden waren voll mit Nachtdiensten, Familienfeiern und Berichte schreiben. Als ich wieder in den Wald kam, war das Zelt leer. Im Coelho fand ich einen Zettel:
„Sie hör sie kommen. Besuch mich im Knast. Willi!“
Ich fand ihn im Bezirksgefängnis. Er war des Diebstahls angeklagt.
„Ich hab dir doch immer was zu essen gebracht!“ Ich musste mich zusammenreißen, um ihn nicht zu schütteln. Sein Gesicht war eingefallen und irgendwas stimmte mit seinem Mund nicht. Wo war mein prächtiger Willi, der die Freiheit über alles stellte, mein Kumpel, mein Freund. Ich fühlte mich verraten. „Willi! Du hast mir das Blaue vom Himmel herunter erzählt“.
Er schaute mich nicht an. Der Wachtmeister an der Tür räusperte sich.
Ich habe ihn freigekauft. Das waren drei Wochenenden im Notdienstwagen, die werden gut bezahlt.
Jetzt lebt er in einer Wohnung, ich besuche ihn manchmal. Dann gehen wir auf den Samstagmarkt, kaufen leckere Sachen und verbringen das Wochenende im Wald.
Das Zelt habe ich abgebaut. Im Sommer schlafen wir in Mumienschlafsäcken auf den weichen Moosgraspolstern unserer Lichtung. Für die Winterwochenenden habe ich einen Campingwagen gekauft.
Aber Willi hat sich verändert.
Er spricht davon, dass er wieder arbeiten wolle.
Seine Mutter besucht ihn neuerdings und der Großvater hat ihm sogar Geld geschickt.
Ich glaube, ich kaufe mir jetzt ein Zelt und werde mal checken, wie es ohne Willi im Wald ist.
Ob ich dann auch die vielen Blautöne am Himmel sehe, wenn der Tag anbricht?

(c)Elke Therre-Staal