Elke Therre-Staal

Der Briefträger

Also, Chef, ich weiß nicht, warum Sie sich so aufregen. Ich denke, Post kommt immer früh genug. Nehmen Sie mal die Todesanzeigen. Ist es nicht ein gutes Werk, die armen Leute mit diesen schrecklichen Dingen zu verschonen? Ich hab ja nichts unterschlagen, hab einfach nur ein paar Tage gewartet, na, vielleicht warens auch zwei, drei Wochen. Dann war alles vorbei, die Beerdigung und das ganze Gedöns und die Leute konnten sagen, na ja, ruhe er in Frieden, ich geh meinen Tagesgeschäften nach. Und wo landen sie denn? Chef? Wo kommense denn hin, die Briefe? In den Papierkorb. Das will ich Ihnen sagen, alle Briefe kommen irgendwann in den Papierkorb. Das ist mir mal so richtig klar geworden, als ich bei meine Oma ihrer Hinterlassenschaft nach den Briefen gesucht hab, die ich ihr schreiben musste. Nach jedem Geburtstag hatse keine Ruhe gegeben, meine Mutter: Junge, jetzt schreibste aber. Und was hat mich das für Mühe gekostet, sage ich Ihnen, Chef. Dat kann mir keiner vormachen: jeder Brief Blut, Schweiß und Tränen. Chef, Sie sind ja ganz rot im Gesicht. Gott, wie der Mann sich aufregt. Das kann doch nicht gesund sein. Also ich, ich schau, dass ich bei meine Arbeit gesund bleib. Immer anner frischen Luft und ein Schwätzchen hier und da. So bin ich auf dem Laufenden, ja, kann man so sagen, wirklich auf dem Laufenden, informiert bin ich, in welcher Stimmung meine Leute sind. Und wenn Frau Schulz mit rot verweinten Augen und wieder ner blauen Stelle im Gesicht an der Tür steht, soll ich ihr dann den Einschreibbrief geben? Chef, Herr Maier, ich bin doch kein Unmensch, nee, ich hab ein ganz weiches Herz. Ich nehm den Brief, jawohl, das geb ich zu, da hab ich schon mal einen verschwinden lassen. Aber das sage ich Ihnen, Chef, Herr Maier, Liebesbriefe, die riech ich geradezu. Was? Aufgemacht soll ich sie haben? Wer sagt denn so was? Ich hab da sone Methode, das k a n n niemand merken. Dat is ja üble Nachrede: Dat lass ich nich auf mir sitzen.
Und Kinderbriefe, ja, die stell ich sofort zu, woll, bevor sie noch geschrieben sind, bin ich da, zur Stelle sozusagen. Wie ich doch bei meine Oma ihrer Hinterlassenschaft..., Wat? Verschwinden soll ich? Herr Maier, Chef , Sie schmeissen mich raus? Wo ich Sie doch immer die Briefe gebracht hab, persönlich, Herr Maier, Sie wissen schon, die von dem Detektiv, eh, wie heisst er noch, Robinson, wo der das mit dem Herrn Kruso und Ihre Frau entdeckt hat.
Oh, Gott, ich geh lieber. Der Mann ist ja wahnsinnig. Der schmeisst mit Sachen um sich. Dat ist ja lebensgefährlich.

(c)Elke Therre Staal