Hermine Geißler

Die Asketin



Seit Beginn der Ferien hat meine Tochter den spirituellen Weg eingeschlagen.
Wie eine Eremitin lebt sie zurückgezogen in ihren vier Wänden, meist bei herunter gelassenen Jalousien, als hätte sie sich in ein einsames Wüstental zurück gezogen, denn wüst sieht es dort auch aus, in dem, was früher einmal ihr Zimmer war!
Meine Tochter scheint die real existierenden Möbel neuerdings zu ignorieren und alles Schnöde, Materielle bedeckt die Erde.
Schmutzige und saubere Klamotten, abgegessene Teller, Briefe, Bücher, Bilder, Gummibärchen und Berge von leeren Flaschen.
Gut, bei den Eremiten in der Wüste gibt es keine Tische und Schränke, aber sie sind auch sehr viel asketischer in ihrer Garderobe und ihrem Essverhalten.
Zwischen den Eingeweiden der Schultasche liegen meine liebevoll geschmierten Schulbrote angegammet herum und String-Tangas, diese Stricke die man in der Ponaht trägt und die ich nicht als Unterwäsche bezeichnen würde. (Mahatma Ghandi war auch ein Asket aber, seine Hüfttücher bedeckten wenigstens die Pobacken).
Alles in allem kann es nach dem Zsunami in Thailand auch nicht besser ausgesehen haben.

Meine Tochter liegt völlig verklärt inmitten dieser Katastrophe und ich erreiche sie nicht mehr mit gemeinen irdischen Wünschen, wie Spülmaschine einräumen, oder ab und zu mal den überquellenden Getränkekorb mit dem Leergut in den Keller bringen.
Sie befindet sich auf irgend einer geistigen Ebene, die sie immun zu machen scheint für meine Anregung, doch an die nächsten Klassenarbeiten zu denken und vorausschauend dafür zu üben.
Stattdessen kann sie Ewigkeiten in meditativer Starre vor dem geöffneten Kühlschrank stehen und es scheint, als wolle sie Fach für Fach jedes Ei, jede Möhre und jeden Jogurt ganz neu entdecken und sich haarklein einprägen.
Wenn meine langmähnige Eremitin um die Mittagszeit aus der Einöde kommend an mir vorbei schwebt, höre ich oft kurz danach den Wasserfall eines Bergbaches in unsere Badewanne laufen und Düfte von Ölen und Essenzen wabbern in den Spüligeruch meines Küchendaseins.
Dann liegt sie ganz entspannt mit geschlossenen Augen im Wasser wie eine Lotosblüte oder hat sich schon wieder in die tiefsinnigen Werke verblichener Gurus vertieft.
Manchmal darf ich der großen Meisterin ein Getränk servieren oder das vergessene Badetuch aus dem Schrank reichen.

Nach dem erquickenden Bad hält sie Audienz und lässt mich an ihren Weisheiten teilhaben, z.b.: „Mama du musst dich nicht immer über alles so aufregen, nimm alles so wie es ist, jeder geht seinen eigenen Weg zum Glück“, oder „warum machst du immer so ein vorwurfsvolles Gesicht, es ist nicht gut, so hohe Erwartungen an andere zu haben, das führt nur zu Enttäuschungen“ und „arbeite doch nicht so viel, dann hast du auch weniger Stress, die Kraft liegt in der Ruhe“. Setz dich lieber in die Frühlingssonne und hol dir Prana in die geöffneten Handflächen!
Dabei schüttelt sie mit ausgebreiteten Händen huldvoll ihre Mähne und ich, nur ich, sehe die vielen kleinen Haare, in besagter Frühlingssonne durch die Luft schweben!
Nach der persönlichen, folgt meistens die telefonische Audienzzeit. Stundenlang erteilt sie völlig uneigennützig und kostenlos Ratschläge zur Bewältigung des Liebesalltags an alle ihre Freunde. Ich denke dabei leider sehr eigennützig an die nächste Telefonrechnung und überlege, ob ich sie als soziale Spende für seelsorgerische Tätigkeiten in meinem Etat verbuchen soll.
Bevor sich meine Erleuchtete zum Literaturstudium auf die sonnebeschienene Veranda zurück zieht, gestattet sie mir noch, sie später zum Essen zu rufen, es sei denn, es gäbe Gemüse oder irgend so einen gesunden Kram, davon bekomme sie nur Blähungen. Das dies mit ihrer mangelnden Bewegung zu tun haben könnte, wage ich nicht anzumerken, denn dann käme bestimmt: Schon so eine Größe wie Winston Churchill habe gesagt, als er nach dem Grund seiner guten Gesundheit im Alter gefragt wurde „no sports!“ Und schließlich sei die geistige Fitness viel wichtiger!

Abends, wenn ich müde auf der Couch hänge und mich nur noch die Überwindung der Schwerkraft vom Bett trennt, schlägt die geistige Stoffwechselstunde meiner Tochter. Aufgebrezelt wie ein Popstar aus dem Magazin kommt sie aus der Wüste und will über die Unbill der Welt diskutieren, über die Höhe des viel zu asketischen Taschengeldes, oder über meine Taxidienste von A nach B, vor allem nachts, nach der Disco, denn sie sei nun mal, wie fast alle geistig arbeitenden Menschen, ein Nachtmensch.
Und überhaupt verstehe sie gar nicht, wie man um neun Uhr abends schon derart schlaff auf dem Sofa herum hängen kann.
Spätestens dann überlege ich, ob ich mich vielleicht in diesem Frühling auch auf den spirituellen Weg machen soll.