Elke Therre-Staal

Nächtlicher Besuch

Mit einem Ruck fuhr Lisa aus dem Schlaf hoch. Sie lauschte in die Stille, und obwohl sie nicht hätte sagen können, was sie geweckt hatte, brach ihr plötzlich der Schweiß aus.
„Lisa?“
Die Stimme ließ sie herumfahren.
Im Dämmerlicht, das durch die halb heruntergelassenen Jalousien fiel, erkannte Lisa einen Mann in der Ecke ihres Schlafzimmers.
„Johannes!“ entfuhr es ihr.
„Was machst du hier?“
„Ich kenne keinen Johannes“, sagte er mit hoher Fistelstimme. Mit einem raschen Griff riss Lisa den Schirm der Nachttischlampe ab, packte sie und hielt sie wie eine Pistole auf das Gesicht des Mannes gerichtet.
Es war wirklich Johannes, die jämmerliche Figur aus ihrer Jugendzeit, aus Halsdorf, ihrem Heimatort. Zwanzig Jahre war es her, dass sie zusammen Tanzstunde hatten. Und weil sie die einzigen aus dem Dorf waren, die das Gymnasium besuchten und er schon Führerschein hatte, waren sie zusammen gefahren, tanzten zusammen und rauchten zusammen ihren ersten joint. Dann, als sie zum Psychologiestudium nach Marburg ging, hatten sie sich aus den Augen verloren. Im Dorf hatte man gemunkelt, dass er drogensüchtig geworden war.
„Halsdorf, erinnerst du dich, Halsdorf“, rief sie, dann:“ Haaaa“.
Entsetzt hielt sie inne. Er hatte ein Messer gezückt und kam langsam näher. Seine Hand zitterte. Aber da hatte sie schon den Notruf auf ihrem Handy gedrückt. „ Ja, ich kenne ihn, nein nein, ich kenne ihn nicht, nicht wirklich!“.
Er schlug ihr das Handy aus der Hand. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, er roch modrig und ungewaschen.
„Mensch, Johannes“, sie redete und redete auf ihn ein,“ Du bist ja ein richtiger Kerl geworden. Damals warste so ein schmales Hemd. Und immer Angst gehabt. Beim Tanzen haste mir auf die Füsse getreten. Und wenn wir mal zu spät waren,.... “.
„Ich kenne keinen Johannes“, wiederholte er.
„Du hast jan Sockenschuss“, Lisa wurde jetzt wütend. Das machte ihr Mut, und deshalb stach sie wie eine Hexe mit beiden Zeigefingern in seine Augen und zog die Krallen keuchend rasch nach unten dieses knochige Gesicht entlang, das sich irgendwie schimmelig anfühlte.
„Scheisse, mein Aku ist alle“. Johannes ließ sich auf die Knie fallen und bedeckte stöhnend sein Gesicht mit den Händen.
Mit aller Kraft trat sie ihm in die Seite, aber da hatte er sich schon zur Seite gerollt, oder war sie durch ihn durch getreten. Ihr Fuß knallte gegen den Bettpfosten. Gegen ihren Willen musste sie lachen.
Es klingelte.
„Machen Sie auf, sonst treten wir die Tür ein“.
Aber Lisa rührte sich nicht. Das lag nicht an dem schmerzenden Fuß, den sie kaum bewegen konnte. Das lag daran, dass ein Bündel Kleider vor ihr lag, aus dem sich langsam, eingehüllt in einen unerträglichen Gestank, ein Geist erhob, anders konnte sie dieses merkwürdige Wesen nicht nennen, das mit wabernden Konturen schlingerte und schlotterte, aber zusehends Gestalt gewann.
Das Klopfen war zu Hämmern geworden, mächtige Fäuste donnerten gegen die Tür.
„Da hat Frau Schneider wieder was zu reden“, dachte Lisa und humpelte zur Tür. Johannes schwebte neben ihr, als sie die Tür öffnete.
Ein Polizist flog an ihr vorbei und knallte an die Badezimmertür am Ende des Flures, segelte hinein, wollte sich am Duschvorhang festhalten und riss ihn samt Vorhangstange herunter. Er schrie vor Schmerzen, Lisa schrie vor Lachen. Sie lachte und lachte und konnte nicht mehr aufhören.
„Hysterisch ist sie auch noch“, das kam von der stämmigen Polizistin, die vor der Tür stehen geblieben war und einen Notizblock in der Hand hielt.
„Sie haben uns angerufen?“
Lisa nickte, zeigte auf Johannes und prustete wieder los. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, sie konnte es einfach nicht unterdrücken. Das Bild, wie der Polizist mitten durch Johannes geflogen war, war zu komisch gewesen.
„Sehen Sie ihn denn nicht?“ fragte sie. „Sollte ich?“ fragte die Polizistin.
„Da, da“, Lisa schubste mit der Hand gegen den wabernden Johannes, landete aber auf der Brust des verbeulten Polizisten, der sich ein Taschentuch an die Stirn drückte.
„Sie will dich, Otto“, sagte die Polizistin, „ ich geh dann mal“.
„Ich bleib doch mit der Irren nicht allein“, sagte Otto.
„Ich kenne solche Frauen“, sagte seine Kollegin, “die wird jetzt alle halbe Stunde anrufen, wenn du sie nicht daran hinderst“.
„Weißt du noch letzte Woche, Beate, dasselbe Theater!“
„Jaja, und das war nicht die erste“. Beate steckte den Notizblock ein und fragte wie beiläufig, indem sie sich ihre Mütze am Ärmel abrieb:
“ Wo steht er denn, Ihr Mann in der Ecke?“
Lisas Zeigefinder wanderte durch die Luft, denn das war der Weg, den die schwebende Gestalt nahm, bis sie immer dünner und dünner wurde und mit dem Schatten des Garderobenschrankes verschmolz. „Weg“, sagte sie verblüfft.
„Sie können bloß froh sein, dass wir nicht die Johanniter holen. Das haben wir nämlich beim ersten Mal gemacht. Die Frau ist immer noch mit Beschluss in der Klinik. Und uns glauben sie nicht“. Beate zog die Schultern hoch, und Otto nickte bekümmert:
„Jetzt werden wir getrennt und in andere Schichten eingeteilt. Ich verliere dich, Beate“, er schluchzte, „wir sind, eh, wir waren so ein gutes Team“.
Beate kratzte sich an der Stirn:
„Sie behaupten, dass wir unter dem Langeweiletotehosensyndrom leiden“.
„ So einen Quatsch habe ich noch nie gehört“, sagte Lisa.
„Nix los in dieser Stadt und zu lange schon gemeinsame Nachtschichten. Sagen sie“. Otto blickte Beate zärtlich an.
„War schön mit Dir“, sagte er, “als wir noch jung waren, hat die Rückbank gereicht. Warum haste mich denn auf einmal nicht mehr gewollt?“
„ Darum gings doch gar nicht“, sagte Beate, „ich brauchte die Stelle und zwar nachts. Da waren doch die Kinder“. „Drei von verschiedenen Männern und keins von mir“. Otto weinte nun so, dass Lisa ihm eine Kleenex-Packung reichte, sie hatte genug auf Vorrat für ihre Praxis.


„Ja, und dann hast Du ja heiraten müssen, Du Dummbeutel!“, sagte Beate. „Das hab ich doch nur gemacht, weil du dich mit dem Schwarzen eingelassen hast“, flüsterte Otto, denn in der Tür gegenüber hatte sich Frau Schneider im altrosa Bademantel aufgebaut, Lockenwickler im Haar.
„ Du hast ihn ja nicht mehr hochgekriegt“, flüsterte Beate. Frau Schneider kam näher.
„Und ich hab gedacht“, flüsterte Otto, „ du magst mich nicht mehr“.
„Das war bei uns auch so“, sagte Frau Schneider, „ nach dem dritten Kind wollte er nicht mehr, Hängebrüste und so, hat sich dann mit ner Jungen abgemacht“.
„Jetzt, wo wir bald nicht mehr Schicht fahren, könnten wir doch wieder..“.
Otto putzte sich geräuschvoll die Nase.
Lisa sah, dass Rauch aus dem Türspalt des Schrankes hervor drang. Die Hoffnung, diese Nacht noch zu schlafen, hatte sie aufgegeben. Sie nahm an, Johannes würde sich wieder breit machen, deshalb sagte sie: „Bleiben Sie doch hier, ich gehe solange spazieren“.
„Ich habs geschafft.“, Johannes` Stimme schepperte, „Ihr seid super, Leute, affengeil, schade, dass ich das nicht mehr kann, ich meine, mitner Frau und so“. Johannes glitt zwischen Lisa und Otto vorbei und tätschelte Beate den üppigen Hintern.
„Sehen Sie ihn denn jetzt?“ fragte Lisa. Beate schüttelte den Kopf und kratzte sich an der Hüfte, mitten durch die Hand von Johannes. Lisa kicherte, und Beate runzelte die Stirn.
„Ich höre da was“, sagte sie, „redet der?“
Tatsächlich hatte Johannes angefangen, zu erklären, warum das nun sein Abschied sein sollte, und zwar der endgültige, absolute, definitive Abgang von dieser Welt.
„Mich ham se nämlich noch mal zurückgeschickt, sollte ne Chance sein, in die nächste Etage zu kommen. Immer wieder in ein Schlafzimmer, immer wieder diese schreienden Frauen, ich wollte das Messer nicht mehr, aber es war ein Zwang, die Hölle, immer wieder“.
„Warte mal“, sagte Otto, „ bist du der, den mein Kollege vor nem halben Jahr im Schlafzimmer von der Bürgermeistersfrau erschossen haben? Weil er sie mitnem Messer bedroht hatte?“
„Konnte ich wissen, dass diese paranoide Schnepfe einen Bodygard hatte?“ Johannes war offenbar durchaus noch sehr irdischer Wut fähig.
„Wäre doch nie bei der eingestiegen. Aber ich brauchte dringend Kohle für Koks“.
„Dann hab ich gar nicht deine Augen verletzt?“ Lisa war erleichtert. Absurd, das Ganze.
„Ich war verzweifelt, weil es so aussah, als ob es wieder so ablief wie immer: Messer, Schrei, Stich, Schuss“.
Johannes warf das Messer in die Luft, wo es verschwand, als wäre es durch einen Riss im Raum gefallen. .
Während es aussah, als umhüllte eine strahlende Helligkeit die Jammergestalt von Johannes, hörten alle die verklingenden Worte.
“ Du hast..... über mich......... gelacht,.......... das............war........... meine........... Rettung.
Danke..............Freunde“.

(c) Elke Therre Staal